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wiki:walz [2024/09/26 03:38] – [Die Ritter der Landstraße] norbertwiki:walz [2025/03/31 05:10] (aktuell) – ↷ Links angepasst weil Seiten im Wiki verschoben wurden 114.119.143.233
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 Um 1900 sind auf den Straßen Deutschlands viele Menschen zu Fuß unterwegs, aus Not, durch Zwang, mehr oder weniger freiwillig: Randgruppen mit ähnlichen Nöten und eigenen Gesetzmäßigkeiten. Insbesondere drei große Gruppen lassen sich erkennen, wenn auch nicht immer unterscheiden: Um 1900 sind auf den Straßen Deutschlands viele Menschen zu Fuß unterwegs, aus Not, durch Zwang, mehr oder weniger freiwillig: Randgruppen mit ähnlichen Nöten und eigenen Gesetzmäßigkeiten. Insbesondere drei große Gruppen lassen sich erkennen, wenn auch nicht immer unterscheiden:
-  * Handwerksburschen auf der Walz +  * [[wiki:wanderbursche|Handwerksburschen]] auf der [[wiki:gesellenwanderung|Gesellenwanderung]] (Walz) 
-  * [[wiki:wanderarbeiter|Wanderarbeiter]]+  * [[wiki:liste_wanderarbeiter|Wanderarbeiter]]
   * [[wiki:vagabund|Vagabunden]]\\    * [[wiki:vagabund|Vagabunden]]\\ 
 Wie reiste das fahrende Volk? Was waren ihre Techniken des [[wiki:unterwegs-sein|Unterwegs-seins]]? Um das herauszufinden, wird nachfolgend immer wieder aus den veröffentlichten Berichten einzelner Reisender zitiert - einige davon tauchen besonders häufig auf (In Klammern der jeweilige Reisezeitraum): Wie reiste das fahrende Volk? Was waren ihre Techniken des [[wiki:unterwegs-sein|Unterwegs-seins]]? Um das herauszufinden, wird nachfolgend immer wieder aus den veröffentlichten Berichten einzelner Reisender zitiert - einige davon tauchen besonders häufig auf (In Klammern der jeweilige Reisezeitraum):
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 Was bewog junge Burschen nach der Lehre dazu, Monate und Jahre auf die Walz zu gehen, die Sicherheit von Heimat, Beruf, Elternhaus aufzugeben zugunsten Hunger und Not, einer ungewissen Zukunft, ausgeliefert dem Wetter und der Willkür fremder Menschen? Die Antwort ist vielschichtig:\\  Was bewog junge Burschen nach der Lehre dazu, Monate und Jahre auf die Walz zu gehen, die Sicherheit von Heimat, Beruf, Elternhaus aufzugeben zugunsten Hunger und Not, einer ungewissen Zukunft, ausgeliefert dem Wetter und der Willkür fremder Menschen? Die Antwort ist vielschichtig:\\ 
 //„Schon in der frühesten Jugendzeit war mein [Heinrichs] sehnlichster Wunsch, zu reisen. Nicht per Bahn oder per Schiff, nein, auf Schusters Rappen wollte ich die Welt durchwandern. Durch meiner Hände Arbeit wollte ich mir mein Brot verdienen. Abwechselnd arbeiten und weiterziehen war mein Vorhaben. Darum erlernte ich auch das Handwerk, das mir, obgleich meinen Wünschen nicht ganz entsprechend, zum Wandern am vortrefflichsten schien: ich wurde Friseur, oder, wie es unter Walzbrüdern heißt, `Doktor der Schaumschlägerkunst´.“// \\  //„Schon in der frühesten Jugendzeit war mein [Heinrichs] sehnlichster Wunsch, zu reisen. Nicht per Bahn oder per Schiff, nein, auf Schusters Rappen wollte ich die Welt durchwandern. Durch meiner Hände Arbeit wollte ich mir mein Brot verdienen. Abwechselnd arbeiten und weiterziehen war mein Vorhaben. Darum erlernte ich auch das Handwerk, das mir, obgleich meinen Wünschen nicht ganz entsprechend, zum Wandern am vortrefflichsten schien: ich wurde Friseur, oder, wie es unter Walzbrüdern heißt, `Doktor der Schaumschlägerkunst´.“// \\ 
-Seine Vorstellung einer Walz entspringt alten Zeiten: //„Den derben [[wiki:stab|Knotenstock]] in der Hand und das Ränzel auf dem Rücken, wurde die Welt durchkreuzt. Frohgemut ging es von Stadt zu Stadt, von Ort zu Ort; bald allein, bald in Gesellschaft von mehreren lustigen Brüdern.“// ((Heinrichs, S. 8)) \\ +Seine Vorstellung einer Walz entspringt alten Zeiten: //„Den derben [[wiki:stock_und_stab|Knotenstock]] in der Hand und das Ränzel auf dem Rücken, wurde die Welt durchkreuzt. Frohgemut ging es von Stadt zu Stadt, von Ort zu Ort; bald allein, bald in Gesellschaft von mehreren lustigen Brüdern.“// ((Heinrichs, S. 8)) \\ 
 Dieses Ideal ist nicht durch praktische Erfahrungen getrübt und Heinrichs kennt nur drei Dinge, die es stören: Dieses Ideal ist nicht durch praktische Erfahrungen getrübt und Heinrichs kennt nur drei Dinge, die es stören:
   * die moderne Technik: //„Schnellfahrende Eisenbahnen haben das poesievolle Wanderleben verdrängt. Im Zeitalter des Treibriemens und Rädergerassels geht das Sehnen und Trachten so manchen jungen Mannes nicht mehr hinüber nach den Städten unbekannter Länder, wo ihm Gelegenheit geboten würde, sein Fach zu vervollkommnen.“// ((Heinrichs, S. 7))   * die moderne Technik: //„Schnellfahrende Eisenbahnen haben das poesievolle Wanderleben verdrängt. Im Zeitalter des Treibriemens und Rädergerassels geht das Sehnen und Trachten so manchen jungen Mannes nicht mehr hinüber nach den Städten unbekannter Länder, wo ihm Gelegenheit geboten würde, sein Fach zu vervollkommnen.“// ((Heinrichs, S. 7))
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 ==== Felleisen und Berliner  ==== ==== Felleisen und Berliner  ====
  
-Unsere Handwerksburschen sind alle Neulinge auf dem Reisesektor, bis auf Pfarre. Über die [[wiki:ausruestung|Ausrüstung]] wird nicht viel geredet, man beschränkt sich und nimmt, was man hat. Als Schroeder fluchtartig Trier verläßt, packt er Zahnbürste, Anzug, Selbstbinder ((Der Selbstbinder ist eine stets neu zu bindende Schleife, die nicht fest vernäht ist.)) und Kragen in seinen Koffer ((Schroeder, S. 6)) und vermißt schon bald Handtuch und Seife. ((Schroeder, S. 41)) Über den Koffer schimpft er oft, irgendwann zerfällt er ihm buchstäblich in der Hand und er improvisiert - bindet die Hosenbeine seiner zweiten Hose unten ab und stopft alles hinein, was er hat. Das ganze bezeichnet er als [[wiki:berliner|Berliner]] ((Der Berliner war leichter als das ältere [[wiki:felleisen|Felleisen]]. Die ersten, die ihn trugen, waren die Klempner - sie hatten grüne Berliner. Maurer und Zimmerleute banden den Berliner in ein großes, buntbedrucktes Taschentuch, Schmiede hüllten das Bündel in ihr Schurzfell, sonstige Kunden in ein Wachstuch. (s. Wolf) Der [[wiki:berliner|Berliner]] wurde als Rolle gebunden und sah aus wie ein übergroßes Knallbonbon mit etwa dreißig Zentimter im Durchmesser, ungefähr siebzig Zentimeter lang. Das Wort ist seit etwa 1880 bekannt und dürfte aus dem jiddischen „be alil“ (mit der Werkstätte) entstanden sein: eine ironische Bezeichnung für die Gesellen, die in ihrem Bündel das Werkzeug mit sich trugen.)) und ist äußerst zufrieden damit, spürt gar nicht, daß er etwas auf dem Rücken trägt; andere tragen ein Felleisen ((Das Felleisen, ein Behältnis, in dem Fußreisende ihre Siebensachen transportierten, war bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts gebräuchlich. Es bestand meist aus Leder, war innen mit grober Leinwand gefüttert und bis-weilen mit einem Schloß gesichert. Manche Felleisen der Handwerksburschen um 1840 hatten Räder, so daß sie mit einem [[wiki:stab|Stock]] geschoben oder gezogen werden konnten. [Meyers Conversations-Lexikon 1840-1855] Bei der Fahrpost dienten zylindrische Felleisen als Behälter für Briefe und Pakete. Der [[wiki:begriff|Begriff]] [[wiki:felleisen|Felleisen]] hat nichts mit Fell oder Eisen zu tun, sondern entstammt dem französischen //valise// (Handkoffer, Reisetasche) und dem älteren valisa (lat., ital.). Er wird synonym für [[wiki:ranzen|Ranzen]], [[wiki:rucksack|Rucksack]], [[wiki:mantelsack|Mantelsack]], Reisetasche, Reisesack, Packsattel benutzt. Manchmal wird er über die Achseln geworfen (Simplicissimus), mal auf den Rücken geschnallt und als [[wiki:tornister|Tornister]] getragen (Dewald). Das Wort ist seit dem Beginn des [[wiki:reisegenerationen#14. Jahrhundert|14. Jahrhunderts]] schriftlich bekannt als fellis)). 15 Monate, nachdem er Trier verlassen hat, filzt ihn die Polizei und wir erfahren, was er in seinen Taschen trägt: Gesellenbrief, Zeugnis, zwei Briefe, Paß, Geleitschein, Rasiermesser, Zahnbürste, Seife ... Viel ist es nicht. Vor Lindau trifft er einen sächsischen Kunden, der Vorräte für den Winter unter seiner Jacke trägt:// „An seinem Bauchriemen hängen aus kleinen Konservendosen zurecht geschusterte Blecheimerchen. In einem ist Fett, im anderen Butter, im dritten Schmalz; Öl verwahrt er in Flaschen. An einem Fleischerhaken, den er in der obersten Westentasche eingehakt, pendeln zwei Würste.“// ((Schroeder, S. 132)) \\  +Unsere Handwerksburschen sind alle Neulinge auf dem Reisesektor, bis auf Pfarre. Über die [[wiki:ausruestung|Ausrüstung]] wird nicht viel geredet, man beschränkt sich und nimmt, was man hat. Als Schroeder fluchtartig Trier verläßt, packt er Zahnbürste, Anzug, Selbstbinder ((Der Selbstbinder ist eine stets neu zu bindende Schleife, die nicht fest vernäht ist.)) und Kragen in seinen Koffer ((Schroeder, S. 6)) und vermißt schon bald Handtuch und Seife. ((Schroeder, S. 41)) Über den Koffer schimpft er oft, irgendwann zerfällt er ihm buchstäblich in der Hand und er improvisiert - bindet die Hosenbeine seiner zweiten Hose unten ab und stopft alles hinein, was er hat. Das ganze bezeichnet er als [[wiki:berliner|Berliner]] ((Der Berliner war leichter als das ältere [[wiki:felleisen|Felleisen]]. Die ersten, die ihn trugen, waren die Klempner - sie hatten grüne Berliner. Maurer und Zimmerleute banden den Berliner in ein großes, buntbedrucktes Taschentuch, Schmiede hüllten das Bündel in ihr Schurzfell, sonstige Kunden in ein Wachstuch. (s. Wolf) Der [[wiki:berliner|Berliner]] wurde als Rolle gebunden und sah aus wie ein übergroßes Knallbonbon mit etwa dreißig Zentimter im Durchmesser, ungefähr siebzig Zentimeter lang. Das Wort ist seit etwa 1880 bekannt und dürfte aus dem jiddischen „be alil“ (mit der Werkstätte) entstanden sein: eine ironische Bezeichnung für die Gesellen, die in ihrem Bündel das Werkzeug mit sich trugen.)) und ist äußerst zufrieden damit, spürt gar nicht, daß er etwas auf dem Rücken trägt; andere tragen ein Felleisen ((Das Felleisen, ein Behältnis, in dem Fußreisende ihre Siebensachen transportierten, war bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts gebräuchlich. Es bestand meist aus Leder, war innen mit grober Leinwand gefüttert und bis-weilen mit einem Schloß gesichert. Manche Felleisen der Handwerksburschen um 1840 hatten Räder, so daß sie mit einem [[wiki:stock_und_stab|Stock]] geschoben oder gezogen werden konnten. [Meyers Conversations-Lexikon 1840-1855] Bei der Fahrpost dienten zylindrische Felleisen als Behälter für Briefe und Pakete. Der [[wiki:begriff|Begriff]] [[wiki:felleisen|Felleisen]] hat nichts mit Fell oder Eisen zu tun, sondern entstammt dem französischen //valise// (Handkoffer, Reisetasche) und dem älteren valisa (lat., ital.). Er wird synonym für [[wiki:ranzen|Ranzen]], [[wiki:rucksack|Rucksack]], [[wiki:mantelsack|Mantelsack]], Reisetasche, Reisesack, Packsattel benutzt. Manchmal wird er über die Achseln geworfen (Simplicissimus), mal auf den Rücken geschnallt und als [[wiki:tornister|Tornister]] getragen (Dewald). Das Wort ist seit dem Beginn des [[wiki:reisegenerationen#14. Jahrhundert|14. Jahrhunderts]] schriftlich bekannt als fellis)). 15 Monate, nachdem er Trier verlassen hat, filzt ihn die Polizei und wir erfahren, was er in seinen Taschen trägt: Gesellenbrief, Zeugnis, zwei Briefe, Paß, Geleitschein, Rasiermesser, Zahnbürste, Seife ... Viel ist es nicht. Vor Lindau trifft er einen sächsischen Kunden, der Vorräte für den Winter unter seiner Jacke trägt:// „An seinem Bauchriemen hängen aus kleinen Konservendosen zurecht geschusterte Blecheimerchen. In einem ist Fett, im anderen Butter, im dritten Schmalz; Öl verwahrt er in Flaschen. An einem Fleischerhaken, den er in der obersten Westentasche eingehakt, pendeln zwei Würste.“// ((Schroeder, S. 132)) \\  
-Winnig gräbt auf dem Speicher den Ranzen seines Großvaters und dessen [[wiki:stab|Eichenstock]] aus: //„Die Zeit schrieb damals einen Schnürbeutel aus schwarzem Wachstuch mit schwarzgrünen Traggurten vor, welches Behältnis in der Sprache der reisenden Burschen Berliner hieß, und auf solchen Berliner war mein Sinn gerichtet, nur war dergleichen in unserer kleinen Stadt nicht zu beschaffen.“// ((Winnig, S. 5)) Bei seiner ersten Arbeitsstelle fällt er auf wegen seiner derben Wanderschuhe mit den breiten Nägeln und seiner Arbeitsjacke aus krausem Wollstoff, die den Regen abwies. ((Heinrichs, S. 24)) \\  +Winnig gräbt auf dem Speicher den Ranzen seines Großvaters und dessen [[wiki:stock_und_stab|Eichenstock]] aus: //„Die Zeit schrieb damals einen Schnürbeutel aus schwarzem Wachstuch mit schwarzgrünen Traggurten vor, welches Behältnis in der Sprache der reisenden Burschen Berliner hieß, und auf solchen Berliner war mein Sinn gerichtet, nur war dergleichen in unserer kleinen Stadt nicht zu beschaffen.“// ((Winnig, S. 5)) Bei seiner ersten Arbeitsstelle fällt er auf wegen seiner derben Wanderschuhe mit den breiten Nägeln und seiner Arbeitsjacke aus krausem Wollstoff, die den Regen abwies. ((Heinrichs, S. 24)) \\  
-Wie auch heute, ist die [[wiki:ausruestung|Ausrüstung]] ein Erkennungszeichen und ein Maßstab für den Grad der [[wiki:vertrauen|Vertrautheit]]:// „Er mochte um einige Jahre älter sein als ich, doch das hielt mich nicht ab, denselben anzureden; trug er ja auch [[wiki:ranzen|Ränzel]] und [[wiki:stab|Knotenstock]]. Nicht lange währte es, und wir hatten Freundschaft geschlossen.“//  +Wie auch heute, ist die [[wiki:ausruestung|Ausrüstung]] ein Erkennungszeichen und ein Maßstab für den Grad der [[wiki:vertrauen|Vertrautheit]]:// „Er mochte um einige Jahre älter sein als ich, doch das hielt mich nicht ab, denselben anzureden; trug er ja auch [[wiki:ranzen|Ränzel]] und [[wiki:stock_und_stab|Knotenstock]]. Nicht lange währte es, und wir hatten Freundschaft geschlossen.“//  
-Alfred Pfarre zieht los mit einer nagelneuen Ausrüstung: Lodenjoppe und [[wiki:rucksack|Rucksack]], [[wiki:stab|Stock]] und Gamaschen ((Pfarre, S. 9)), mit Hirschtalg werden die Stiefel wasserfest gemacht ((Pfarre, S. 50)), eine Pelerine ((ein ärmelloser Regenmantel)) dient als Regenschutz. ((Pfarre, S. 52))\\ +Alfred Pfarre zieht los mit einer nagelneuen Ausrüstung: Lodenjoppe und [[wiki:rucksack|Rucksack]], [[wiki:stock_und_stab|Stock]] und Gamaschen ((Pfarre, S. 9)), mit Hirschtalg werden die Stiefel wasserfest gemacht ((Pfarre, S. 50)), eine Pelerine ((ein ärmelloser Regenmantel)) dient als Regenschutz. ((Pfarre, S. 52))\\ 
 Winnig trägt sein Handwerkszeug mit sich: Kelle, Hammer, Lotwaage. Dies dient als Kennzeichen der Wanderschaft, und auch Schroeder zeigt ab und an seinen Zollstock. Heinrichs hat Scheren und Kämme dabei, verkauft sie aber bald zur Finanzierung seiner Reise.\\  Winnig trägt sein Handwerkszeug mit sich: Kelle, Hammer, Lotwaage. Dies dient als Kennzeichen der Wanderschaft, und auch Schroeder zeigt ab und an seinen Zollstock. Heinrichs hat Scheren und Kämme dabei, verkauft sie aber bald zur Finanzierung seiner Reise.\\ 
 Winnig wandert im Winter nur mit Jacke und Hemd. Unterwäsche gibt es nicht, selbst ein Halstuch hat er nicht. //„Heikel war die Versorgung mit sauberer Wäsche. Im Sommer wusch man das zweite Hemd in einem Bach, hängte es auf einen Busch zum Trocknen und legte sich daneben. Das war im Winter nicht möglich, und die Herbergen hatten noch keine Einrichtungen, in denen man die Wäsche vom Abend bis zum Morgen hätte waschen und trocknen können; dazu blieb dann nur der Sonntag ... Wenn der Herbergswirt aber niemand hatte, der den Sonntag am Waschfaß mit Wanderburschenwäsche verbringen wollte, so mußte man sein Hemd solange tragen, bis es einmal besser paßte. In diesem Punkte waren die konfessionellen Herbergen, von den Wanderburschen Heiligkeit genannt, am besten eingerichtet; nach ihrem Vorbilde haben von 1900 an die Gewerkschaften ein eigenes Herbergswesen aufgebaut.“// ((Winnig, S. 169)) \\  Winnig wandert im Winter nur mit Jacke und Hemd. Unterwäsche gibt es nicht, selbst ein Halstuch hat er nicht. //„Heikel war die Versorgung mit sauberer Wäsche. Im Sommer wusch man das zweite Hemd in einem Bach, hängte es auf einen Busch zum Trocknen und legte sich daneben. Das war im Winter nicht möglich, und die Herbergen hatten noch keine Einrichtungen, in denen man die Wäsche vom Abend bis zum Morgen hätte waschen und trocknen können; dazu blieb dann nur der Sonntag ... Wenn der Herbergswirt aber niemand hatte, der den Sonntag am Waschfaß mit Wanderburschenwäsche verbringen wollte, so mußte man sein Hemd solange tragen, bis es einmal besser paßte. In diesem Punkte waren die konfessionellen Herbergen, von den Wanderburschen Heiligkeit genannt, am besten eingerichtet; nach ihrem Vorbilde haben von 1900 an die Gewerkschaften ein eigenes Herbergswesen aufgebaut.“// ((Winnig, S. 169)) \\ 
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 Die größten Ausgaben entstanden für die Unterkunft, die Penne ((Die Penne kann sowohl eine Schlafstelle als auch eine Herberge, ein Gasthaus, ein Nachtquartier bezeichnen. Ein anderer Name dafür ist `Nest´.)). Schroeder findet sein Unterkommen einmal in Solingen bei der Heilsarmee, eine Goldmark kostet die Übernachtung, das ist teuer. Dreizehn Betten stehen im Raum, sind sauber bezogen, und ein Spind gehört dazu. ((Schroeder, S. 40 f.)) Später, auf der Walz und ohne Geld, erfährt er erst nach einigen Nächten im Freien (»Platte reißen«), daß jedes Dorf ihm eine Unterkunft geben muß. Beim Magistrat gibt's einen Gutschein, den er im Gasthaus einlösen kann. In anderen Dörfern wurde man einem Einwohner zugeteilt, der eine Nacht für einen zu sorgen hatte oder Unterstützungsvereine betrieben Heime.\\  Die größten Ausgaben entstanden für die Unterkunft, die Penne ((Die Penne kann sowohl eine Schlafstelle als auch eine Herberge, ein Gasthaus, ein Nachtquartier bezeichnen. Ein anderer Name dafür ist `Nest´.)). Schroeder findet sein Unterkommen einmal in Solingen bei der Heilsarmee, eine Goldmark kostet die Übernachtung, das ist teuer. Dreizehn Betten stehen im Raum, sind sauber bezogen, und ein Spind gehört dazu. ((Schroeder, S. 40 f.)) Später, auf der Walz und ohne Geld, erfährt er erst nach einigen Nächten im Freien (»Platte reißen«), daß jedes Dorf ihm eine Unterkunft geben muß. Beim Magistrat gibt's einen Gutschein, den er im Gasthaus einlösen kann. In anderen Dörfern wurde man einem Einwohner zugeteilt, der eine Nacht für einen zu sorgen hatte oder Unterstützungsvereine betrieben Heime.\\ 
 Andere Übernachtungsstellen findet er bei Mutter Grün ((Im Freien übernachten hieß „bei Mutter Grün“ oder „bei der grünen Bettfrau“, Schroeder, S. 213 u. Wolf)): mal im Wald, auch bei Schnee, im freien Feld, in einer Scheune, im Spritzenschuppen der Feuerwehr, in einer Kaserne, in einer Polizeizelle ... Da die Handwerksburschen immer nur 24 Stunden an einem Ort bleiben dürfen, muß das Problem Unterkunft täglich neu gelöst werden - ein Ausruhen gibt es nur am Sonntag, und auch dann nicht immer. Wer kein Geld mehr hatte, konnte bei der Polizei in einer Arrestzelle übernachten, doch sogar dafür kassierten die noch einige Groschen. Dann, in der kalten Jahreszeit, war es geraten, krank zu werden, um recht lange in einem warmen Krankenhaus gut verpflegt zu werden. Schroeder gibt fünf Zigaretten, um mit dem Handrücken über den von der Krätze befallenen Handrücken eines Speckjägers ((Als Speckjäger werden alte Kunden bezeichnet, die ihr ganzes Leben auf der Landstraße verbracht haben)) zu streichen, in der Hoffnung, sich ebenfalls zu infizieren. Die Methode gelingt: einige Dörfer weiter gibt es dann zum ersten Mal Geld für eine Fahrkarte zum nächsten Krankenhaus. Bevor man wirklich ins Krankenhaus geht, lassen sich noch einige Gemeinden schröpfen.\\  Andere Übernachtungsstellen findet er bei Mutter Grün ((Im Freien übernachten hieß „bei Mutter Grün“ oder „bei der grünen Bettfrau“, Schroeder, S. 213 u. Wolf)): mal im Wald, auch bei Schnee, im freien Feld, in einer Scheune, im Spritzenschuppen der Feuerwehr, in einer Kaserne, in einer Polizeizelle ... Da die Handwerksburschen immer nur 24 Stunden an einem Ort bleiben dürfen, muß das Problem Unterkunft täglich neu gelöst werden - ein Ausruhen gibt es nur am Sonntag, und auch dann nicht immer. Wer kein Geld mehr hatte, konnte bei der Polizei in einer Arrestzelle übernachten, doch sogar dafür kassierten die noch einige Groschen. Dann, in der kalten Jahreszeit, war es geraten, krank zu werden, um recht lange in einem warmen Krankenhaus gut verpflegt zu werden. Schroeder gibt fünf Zigaretten, um mit dem Handrücken über den von der Krätze befallenen Handrücken eines Speckjägers ((Als Speckjäger werden alte Kunden bezeichnet, die ihr ganzes Leben auf der Landstraße verbracht haben)) zu streichen, in der Hoffnung, sich ebenfalls zu infizieren. Die Methode gelingt: einige Dörfer weiter gibt es dann zum ersten Mal Geld für eine Fahrkarte zum nächsten Krankenhaus. Bevor man wirklich ins Krankenhaus geht, lassen sich noch einige Gemeinden schröpfen.\\ 
-Winnig erzählt von einer Zunftherberge, die von den Innungen der Stadt subventioniert wurde, und lobt sie in höchsten Tönen: sie war sauber, das Essen gut, der Wirt höflich, jede Zunft hatte einen eigenen Tisch, über dem das Erkennungszeichen der Zunft hing und der Preis war außerordentlich niedrig. So etwas war selten genug. Außen zeigten vier Schilder, daß dies die Gewerkherberge der Maurer, Zimmerer, Schneider und Sattler sei, wer eintreten wollte, mußte dies entsprechend den Regeln tun: //„Die Tür zur Herberge stand offen, aber das hielt mich nicht ab, nach Vorschrift zu klopfen, nämlich dreimal; nach dem ersten Schlag gehört sich eine kleine Pause, der dritte aber folgt schnell auf den zweiten.“// Nach dem Eintreten und als er den Wirt an seiner blauen Schürze erkennt, grüßt er: //„Mit Gunst und Erlaubnis!“// ((Winnig, S. 20)) Das Herbergsleben ist reglementiert: //„Der Wirt ging in seinen Verschlag, öffnete das Schiebefenster und nahm mir [[wiki:stab|Stock]] und [[wiki:ranzen|Ranzen]] ab, besah meine [[wiki:dokumente|Papiere]], legte sie in eine Lade und machte mich mit der Hausordnung bekannt. Um neun werde die Haustüre geschlossen, um zehn das Licht gelöscht, um sieben aufgestanden. Er sah mich noch einmal und genauer als zuvor an und meinte, ich sei wohl sauber ...“// ((Winnig, S. 21)) Papiere und Ranzen werden dem Herbergsvater übergeben. Neben den Zimmern werden auch Tische und Bänke in der Gaststube zum Schlafen genutzt, im Notfall wird zusätzlich Stroh aufgeschüttet. Abends gibt es saures Schweinefleisch oder Gulasch, Bier und Branntwein, das Essen kostete nur 32 Pfennige. Morgens stand warmes Wasser bereit; sich ausgiebig zu waschen, war kein Problem.\\ +Winnig erzählt von einer Zunftherberge, die von den Innungen der Stadt subventioniert wurde, und lobt sie in höchsten Tönen: sie war sauber, das Essen gut, der Wirt höflich, jede Zunft hatte einen eigenen Tisch, über dem das Erkennungszeichen der Zunft hing und der Preis war außerordentlich niedrig. So etwas war selten genug. Außen zeigten vier Schilder, daß dies die Gewerkherberge der Maurer, Zimmerer, Schneider und Sattler sei, wer eintreten wollte, mußte dies entsprechend den Regeln tun: //„Die Tür zur Herberge stand offen, aber das hielt mich nicht ab, nach Vorschrift zu klopfen, nämlich dreimal; nach dem ersten Schlag gehört sich eine kleine Pause, der dritte aber folgt schnell auf den zweiten.“// Nach dem Eintreten und als er den Wirt an seiner blauen Schürze erkennt, grüßt er: //„Mit Gunst und Erlaubnis!“// ((Winnig, S. 20)) Das Herbergsleben ist reglementiert: //„Der Wirt ging in seinen Verschlag, öffnete das Schiebefenster und nahm mir [[wiki:stock_und_stab|Stock]] und [[wiki:ranzen|Ranzen]] ab, besah meine [[wiki:dokumente|Papiere]], legte sie in eine Lade und machte mich mit der Hausordnung bekannt. Um neun werde die Haustüre geschlossen, um zehn das Licht gelöscht, um sieben aufgestanden. Er sah mich noch einmal und genauer als zuvor an und meinte, ich sei wohl sauber ...“// ((Winnig, S. 21)) Papiere und Ranzen werden dem Herbergsvater übergeben. Neben den Zimmern werden auch Tische und Bänke in der Gaststube zum Schlafen genutzt, im Notfall wird zusätzlich Stroh aufgeschüttet. Abends gibt es saures Schweinefleisch oder Gulasch, Bier und Branntwein, das Essen kostete nur 32 Pfennige. Morgens stand warmes Wasser bereit; sich ausgiebig zu waschen, war kein Problem.\\ 
 Deutlich wird aber, daß solche Herbergen die Ausnahme waren. Roltsch erzählt:// „Wohl traf ich auf meiner Wanderung ganz gute Obdachlosenasyle, wie in Berlin, Chemnitz und Nürnberg an (von Hamburg, Köln, Frankfurt/Main will ich lieber schweigen), wohl auch einige Herbergen zur Heimat, in denen man sich wirklich heimisch fühlen konnte, wie in Soest, Glauchau, Erlangen - aber im großen und ganzen erblickte ich, wohin ich schaute, Unsauberkeit und Unwirtlichkeit. Diese Pennen, wie besonders die sogenannten wilden ... sind ... die Verbreitungsherde aller möglichen ansteckenden Krankheiten und Seuchen.“// ((Roltsch „Von unterwegs“, in: Trappmann, S. 135)) Jeder Kunde, der dort übernachten will, wird abends abgebient (»entlaust«).\\  Deutlich wird aber, daß solche Herbergen die Ausnahme waren. Roltsch erzählt:// „Wohl traf ich auf meiner Wanderung ganz gute Obdachlosenasyle, wie in Berlin, Chemnitz und Nürnberg an (von Hamburg, Köln, Frankfurt/Main will ich lieber schweigen), wohl auch einige Herbergen zur Heimat, in denen man sich wirklich heimisch fühlen konnte, wie in Soest, Glauchau, Erlangen - aber im großen und ganzen erblickte ich, wohin ich schaute, Unsauberkeit und Unwirtlichkeit. Diese Pennen, wie besonders die sogenannten wilden ... sind ... die Verbreitungsherde aller möglichen ansteckenden Krankheiten und Seuchen.“// ((Roltsch „Von unterwegs“, in: Trappmann, S. 135)) Jeder Kunde, der dort übernachten will, wird abends abgebient (»entlaust«).\\ 
 Eine wichtige Rolle spielen für Heinrichs die Unterkünfte des katholischen Gesellenvereins: //"Erst auf meiner mühevollen Reise habe ich diese großartige Einrichtung kennen gelernt. ... Wie oft kam es nicht vor, daß ich abends ermüdet, ermattet, durchnäßt, ja oft mittellos in einer fremden Stadt ankam. Zeigte mir dann mein "Wanderbüchlein" die frohe Botschaft an, daß die Stadt der Sitz eines katholischen Gesellenvereins war, so wußte ich sofort, wohin ich meine Schritte zu lenken hatte."// ((Heinrichs, S. 11)) Dort gab es dreimal täglich Essen und eine Übernachtung umsonst: //„Doch das Zahlgeld brauchte nicht aus der Börse geholt zu werden, es bestand in einem einfachen Dank an den Hausmeister und in dem schlichten, aber schönen Abschiedsgruße: Gott segne das ehrbare Handwerk.“ ((Heinrichs, S. 17))// ((Durch den richtigen Gruß identifizierten sich fremde Gesellen, zum Beispiel die Schuster: „Guten Tag! Gott ehre das Reich, Gott ehre das Handwerk, das Gelage und die Bruderschaft. Gott ehre den Herr Vater, die Frau Mutter, Brüder und Schwestern und alle ehrbaren frommen Schusterknechte, wie sie versammelt sein, sei gleich, ob hier und anderswo.“ zit. nach Völger, S. 37)) Die Gesellenvereine findet er in Österreich und Ungarn bis nach Dunaföldvar an der serbischen Grenze, dann gibt es sie erst wieder in Rom und in der Schweiz. Für Protestanten wie Pfarre waren die katholischen Gesellenvereine geschlossen.\\  Eine wichtige Rolle spielen für Heinrichs die Unterkünfte des katholischen Gesellenvereins: //"Erst auf meiner mühevollen Reise habe ich diese großartige Einrichtung kennen gelernt. ... Wie oft kam es nicht vor, daß ich abends ermüdet, ermattet, durchnäßt, ja oft mittellos in einer fremden Stadt ankam. Zeigte mir dann mein "Wanderbüchlein" die frohe Botschaft an, daß die Stadt der Sitz eines katholischen Gesellenvereins war, so wußte ich sofort, wohin ich meine Schritte zu lenken hatte."// ((Heinrichs, S. 11)) Dort gab es dreimal täglich Essen und eine Übernachtung umsonst: //„Doch das Zahlgeld brauchte nicht aus der Börse geholt zu werden, es bestand in einem einfachen Dank an den Hausmeister und in dem schlichten, aber schönen Abschiedsgruße: Gott segne das ehrbare Handwerk.“ ((Heinrichs, S. 17))// ((Durch den richtigen Gruß identifizierten sich fremde Gesellen, zum Beispiel die Schuster: „Guten Tag! Gott ehre das Reich, Gott ehre das Handwerk, das Gelage und die Bruderschaft. Gott ehre den Herr Vater, die Frau Mutter, Brüder und Schwestern und alle ehrbaren frommen Schusterknechte, wie sie versammelt sein, sei gleich, ob hier und anderswo.“ zit. nach Völger, S. 37)) Die Gesellenvereine findet er in Österreich und Ungarn bis nach Dunaföldvar an der serbischen Grenze, dann gibt es sie erst wieder in Rom und in der Schweiz. Für Protestanten wie Pfarre waren die katholischen Gesellenvereine geschlossen.\\ 
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 ==== Kundenschall ==== ==== Kundenschall ====
  
--> Rotwelsch+-> [[wiki:rotwelsch|Rotwelsch]]
  
 ==== Reisegebiete und -ziele ==== ==== Reisegebiete und -ziele ====
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 Gern zogen die Handwerksburschen im [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 19. Jahrhundert|19. Jahrhundert]] nach Frankreich, Italien, Österreich. Es gab dort weniger Grenzen als in den Fürstentümern Deutschlands.// „Diese ewigen Grenzen im Deutschen Reich sind wahrhaft vom Teufel erfunden. Das unaufhörliche Passieren von Schlagbäumen, und das Durchschnüffeln des Wanderbuches von Constablern und Stadtsoldaten aller Art ist mit viel Verdruß verbunden und lästig genug für einen ordentlichen Gesellen, der nichts will, als sich in der Welt umsehen und sein Metier tüchtig erlernen.“// ((Hoffmann, S. 81))\\  Gern zogen die Handwerksburschen im [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 19. Jahrhundert|19. Jahrhundert]] nach Frankreich, Italien, Österreich. Es gab dort weniger Grenzen als in den Fürstentümern Deutschlands.// „Diese ewigen Grenzen im Deutschen Reich sind wahrhaft vom Teufel erfunden. Das unaufhörliche Passieren von Schlagbäumen, und das Durchschnüffeln des Wanderbuches von Constablern und Stadtsoldaten aller Art ist mit viel Verdruß verbunden und lästig genug für einen ordentlichen Gesellen, der nichts will, als sich in der Welt umsehen und sein Metier tüchtig erlernen.“// ((Hoffmann, S. 81))\\ 
 Ab 1839 reisten die Gesellen auch vermehrt in den nahen Osten. ((Der türkische Sultan Mahmud II. und sein Nachfolger öffneten ab 1839 die Grenzen vermehrt dem Westen.)) Dabei stand sicher nicht die handwerkliche Fortbildung in Palästina im Vordergrund, eher Abenteuerlust. Das Motiv der Pilgerschaft und der Glaube, auf der Wanderschaft durch Gott beschützt zu sein, verbanden sich mit der Idee der Walz. Später baute sogar das preußische Konsulat in Jerusalem eine eigene Gesellenherberge. Etwa 25 protestantische Gesellen suchten Jerusalem jährlich auf. \\  Ab 1839 reisten die Gesellen auch vermehrt in den nahen Osten. ((Der türkische Sultan Mahmud II. und sein Nachfolger öffneten ab 1839 die Grenzen vermehrt dem Westen.)) Dabei stand sicher nicht die handwerkliche Fortbildung in Palästina im Vordergrund, eher Abenteuerlust. Das Motiv der Pilgerschaft und der Glaube, auf der Wanderschaft durch Gott beschützt zu sein, verbanden sich mit der Idee der Walz. Später baute sogar das preußische Konsulat in Jerusalem eine eigene Gesellenherberge. Etwa 25 protestantische Gesellen suchten Jerusalem jährlich auf. \\ 
-Die Mehrzahl der Wanderer jedoch blieb in Deutschland, denn man brauchte einen Paß, um die Grenze (offiziell) zu passieren. //„Alte Kunden hielten sich an einen bestimmten Landstrich, in dem sie mit Art und Brauch der Bewohner vertraut waren, die Wege und die Herbergen, die guten und die schlechten Orte, die Gendarmen und die Gefängnisse kannten. Diesen Landstrich, der selten über die Grenzen einer Provinz hinausgriff, verließen sie nicht oder nur notgedrungen, etwa wenn ihnen eine hohe Bettelstrafe drohte. Weder junge Wanderburschen noch alte Kunden wichen dem Wetter aus, sie kürzten die täglichen Wege, aber sie zogen morgens ab. Der Krankheit gaben wohl junge Burschen nach, aber nicht die alten Reisläufer ((Reisläufer ist hier in übertragenem Sinne zu verstehen. Der [[wiki:begriff|Begriff]] meint ursprünglich junge Burschen (meist Schweizer), die sich ab dem [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 15. Jahrhundert|15. Jahrhundert]] zusammenschlossen, um in anderen Ländern Kriegsdienste zu leisten. Diese umherziehenden Gruppen wurden Reiseläufer oder Reisläufer genannt. [Grimms Wörterbuch])) der Landstraße, ich habe nie gehört, daß einer in der Herberge krank zurückgeblieben oder ins Krankenhaus geschafft worden sei; sie wanderten auch dann, wenn sie den [[wiki:grenze_zwischen_leben_und_tod|Tod]] in den Knochen fühlten, und suchten sich lieber draußen einen geschützten Winkel zum Sterben, als daß sie sich in Menschenhände gegeben hätten.“// ((Winnig, S. 164 f.)) Winnig schreibt diese Gedanken angesichts eines eisigen Winters nieder, in dem er draußen auf der Landstraße selber viel gefroren hat und zudem einen toten Kunden im Schutz einer Feldscheune fand.\\ +Die Mehrzahl der Wanderer jedoch blieb in Deutschland, denn man brauchte einen Paß, um die Grenze (offiziell) zu passieren. //„Alte Kunden hielten sich an einen bestimmten Landstrich, in dem sie mit Art und Brauch der Bewohner vertraut waren, die Wege und die Herbergen, die guten und die schlechten Orte, die Gendarmen und die Gefängnisse kannten. Diesen Landstrich, der selten über die Grenzen einer Provinz hinausgriff, verließen sie nicht oder nur notgedrungen, etwa wenn ihnen eine hohe Bettelstrafe drohte. Weder junge [[wiki:Wanderbursche|Wanderburschen]] noch alte Kunden wichen dem Wetter aus, sie kürzten die täglichen Wege, aber sie zogen morgens ab. Der Krankheit gaben wohl junge Burschen nach, aber nicht die alten Reisläufer ((Reisläufer ist hier in übertragenem Sinne zu verstehen. Der [[wiki:begriff|Begriff]] meint ursprünglich junge Burschen (meist Schweizer), die sich ab dem [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 15. Jahrhundert|15. Jahrhundert]] zusammenschlossen, um in anderen Ländern Kriegsdienste zu leisten. Diese umherziehenden Gruppen wurden Reiseläufer oder Reisläufer genannt. [Grimms Wörterbuch])) der Landstraße, ich habe nie gehört, daß einer in der Herberge krank zurückgeblieben oder ins Krankenhaus geschafft worden sei; sie wanderten auch dann, wenn sie den [[wiki:grenze_zwischen_leben_und_tod|Tod]] in den Knochen fühlten, und suchten sich lieber draußen einen geschützten Winkel zum Sterben, als daß sie sich in Menschenhände gegeben hätten.“// ((Winnig, S. 164 f.)) Winnig schreibt diese Gedanken angesichts eines eisigen Winters nieder, in dem er draußen auf der Landstraße selber viel gefroren hat und zudem einen toten Kunden im Schutz einer Feldscheune fand.\\ 
 Da das fahrende Volk auch weit hinter den Grenzen oft kontrolliert wurde, fiel man früher oder später auf, wenn man ohne Paß im Ausland war. Heinrichs schildert einen solchen Fall: //„Kaum eine Stunde waren wir von Deutschlands Grenzen entfernt. ... Plötzlich standen ... zwei dieser gefürchteten Beamten vor uns. Wieder hieß es kurz: `Papier vorzeigen.´ Wiederum konnte ich ungefährdet weiterziehen, aber mein treuer Kamerad? [Ihm] wurde der Schub prophezeit, das heißt, er würde vom nächsten Orte per Bahn zur Grenze befördert werden.“// ((Heinrichs, S. 55 f.))\\  Da das fahrende Volk auch weit hinter den Grenzen oft kontrolliert wurde, fiel man früher oder später auf, wenn man ohne Paß im Ausland war. Heinrichs schildert einen solchen Fall: //„Kaum eine Stunde waren wir von Deutschlands Grenzen entfernt. ... Plötzlich standen ... zwei dieser gefürchteten Beamten vor uns. Wieder hieß es kurz: `Papier vorzeigen.´ Wiederum konnte ich ungefährdet weiterziehen, aber mein treuer Kamerad? [Ihm] wurde der Schub prophezeit, das heißt, er würde vom nächsten Orte per Bahn zur Grenze befördert werden.“// ((Heinrichs, S. 55 f.))\\ 
 Schroeder trifft häufig Kunden, an bestimmten Orten tummeln sie sich, beispielsweise in Lindau. Ihre Reiseziele sind Hamburg, Pommern, Wien. Weit- und Fernreisende waren damals die Ausnahme, doch es gab sie. Er trifft zwei, die durch den [[wiki:staunen_fremdheit_neues_neugier#Dort fängt der Balkan an|Balkan]] in die Türkei wollen: //„Diese [[wiki:tour|Tour]] hatten sie mir so verlockend geschildert, und es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre ich mit ihnen getigert. Doch solange ich Deutschland nicht kenne, nicht ganz angesehen habe, weiß ich nicht, was ich in anderen Ländern suchen soll.“// ((Schroeder, S. 152)) Dann trifft er einen alten Speckjäger, der seit 34 Jahren, also seit 1889, auf der Landstraße ist: //„Er kennt Indien, war fünf Jahre in der französischen Fremdenlegion, machte als Tramp siebenmal von Newyork nach San Francisco, einmal die große Büffelstraße, und hat nachher von der Landstraße einfach nicht mehr weggekonnt, sie hat ihn festgehalten.“// ((Schroeder, S. 245))\\  Schroeder trifft häufig Kunden, an bestimmten Orten tummeln sie sich, beispielsweise in Lindau. Ihre Reiseziele sind Hamburg, Pommern, Wien. Weit- und Fernreisende waren damals die Ausnahme, doch es gab sie. Er trifft zwei, die durch den [[wiki:staunen_fremdheit_neues_neugier#Dort fängt der Balkan an|Balkan]] in die Türkei wollen: //„Diese [[wiki:tour|Tour]] hatten sie mir so verlockend geschildert, und es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre ich mit ihnen getigert. Doch solange ich Deutschland nicht kenne, nicht ganz angesehen habe, weiß ich nicht, was ich in anderen Ländern suchen soll.“// ((Schroeder, S. 152)) Dann trifft er einen alten Speckjäger, der seit 34 Jahren, also seit 1889, auf der Landstraße ist: //„Er kennt Indien, war fünf Jahre in der französischen Fremdenlegion, machte als Tramp siebenmal von Newyork nach San Francisco, einmal die große Büffelstraße, und hat nachher von der Landstraße einfach nicht mehr weggekonnt, sie hat ihn festgehalten.“// ((Schroeder, S. 245))\\ 
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 ==== Vom Gesellen zum Vagabunden ==== ==== Vom Gesellen zum Vagabunden ====
 Pfarre geht mit Hamburger Wandervogel-Freunden auf eine vierwöchige Ferienfahrt durch die Rhön und den Thüringer Wald, dann sagt er sich: „Ihr habt eine Ferienfahrt gemacht als sorglose Wandervögel, nun kommt deine Reise als Handwerksbursche, vielleicht bald als Landstreicher. ... Beginne nun endlich deine [[wiki:fahrt|Fahrt]] und wage mutig den bedeutsamen Schritt vom Wandervogel zum Handwerksburschen.“ Er unterscheidet drei Arten zu reisen und hebt den Mut als bedeutsames Element der Walz hervor. Bereits klar im Blick ist der drohende Abstieg zum [[wiki:vagabund|Vagabunden]]. Die Polizei ist scharf hinter den Handwerksburschen her und kontrollieren peinlich genau, wer die Grenze zum Vagabunden überschreitet: //„Auf eine Fleppenkontrolle darf ich es nicht ankommen lassen, sonst bin ich verratzt ((Verratzen bedeutet im Rotwelschen verlieren, verraten und kommt von der Grundform „ratschen“)), denn ich habe bereits zwei Nächte auf eigene Faust, ohne Aufenthaltsstempel, im Heu geschlafen.“// ((Schroeder, S. 118))\\  Pfarre geht mit Hamburger Wandervogel-Freunden auf eine vierwöchige Ferienfahrt durch die Rhön und den Thüringer Wald, dann sagt er sich: „Ihr habt eine Ferienfahrt gemacht als sorglose Wandervögel, nun kommt deine Reise als Handwerksbursche, vielleicht bald als Landstreicher. ... Beginne nun endlich deine [[wiki:fahrt|Fahrt]] und wage mutig den bedeutsamen Schritt vom Wandervogel zum Handwerksburschen.“ Er unterscheidet drei Arten zu reisen und hebt den Mut als bedeutsames Element der Walz hervor. Bereits klar im Blick ist der drohende Abstieg zum [[wiki:vagabund|Vagabunden]]. Die Polizei ist scharf hinter den Handwerksburschen her und kontrollieren peinlich genau, wer die Grenze zum Vagabunden überschreitet: //„Auf eine Fleppenkontrolle darf ich es nicht ankommen lassen, sonst bin ich verratzt ((Verratzen bedeutet im Rotwelschen verlieren, verraten und kommt von der Grundform „ratschen“)), denn ich habe bereits zwei Nächte auf eigene Faust, ohne Aufenthaltsstempel, im Heu geschlafen.“// ((Schroeder, S. 118))\\ 
-Aufenthaltsstempel in Herbergen, Asylen, Arbeitsnachweise oder der Stempel: //„Inhaber hat sich heute vergeblich um Arbeit bemüht“// ((Pfarre, S. 22)) helfen der Polizei, Gesellen von [[wiki:vagabund|Vagabunden]] zu unterscheiden. Rein äußerlich gleichen sich Gesellen, Vagabunden, [[wiki:wanderarbeiter|Wanderarbeiter]]: sie sind arm, zu Fuß unterwegs und bemühen sich Tag für Tag um Essen und ein Bett. Sie haben Zeit, kein Geld, selten Arbeit und übertreten alle das Verbot der Bettelei. Immer wieder wird die Walz verteidigt als: //„jene einfache und bescheidene Art, die Welt zu beschuen, welche weder in den ersten Cafes und Hotels der Residenz, noch in die verkommensten Schnapskneipen der Provinzstädtchen, sondern in die Werkstätten berühmter und geachteter Meister führt, nicht um den Prahlhans mit des Vaters Talern, noch den Schnapsbruder mit den erbettelten Pfennigen, sondern den soliden Sohn schlichter bürgerlicher Eltern zu spielen, der, seine Kenntnisse erweiternd und sich ausbildend, mit dem Zeitgeist heute vorwärts schreitet, wie sein Vater vor einem Mannesalter, mit dem Geiste jener Zeit vorwärts schreitend, sich zum wackren Geschäftsmann herangebildet hat.“// ((J.M. Hornstein „Das Wandern, eine Lebensfrage des Gewerbestandes“ Neuburg /Donau 1857, S.4))\\ +Aufenthaltsstempel in Herbergen, Asylen, Arbeitsnachweise oder der Stempel: //„Inhaber hat sich heute vergeblich um Arbeit bemüht“// ((Pfarre, S. 22)) helfen der Polizei, Gesellen von [[wiki:vagabund|Vagabunden]] zu unterscheiden. Rein äußerlich gleichen sich Gesellen, Vagabunden, [[wiki:liste_wanderarbeiter|Wanderarbeiter]]: sie sind arm, zu Fuß unterwegs und bemühen sich Tag für Tag um Essen und ein Bett. Sie haben Zeit, kein Geld, selten Arbeit und übertreten alle das Verbot der Bettelei. Immer wieder wird die Walz verteidigt als: //„jene einfache und bescheidene Art, die Welt zu beschuen, welche weder in den ersten Cafes und Hotels der Residenz, noch in die verkommensten Schnapskneipen der Provinzstädtchen, sondern in die Werkstätten berühmter und geachteter Meister führt, nicht um den Prahlhans mit des Vaters Talern, noch den Schnapsbruder mit den erbettelten Pfennigen, sondern den soliden Sohn schlichter bürgerlicher Eltern zu spielen, der, seine Kenntnisse erweiternd und sich ausbildend, mit dem Zeitgeist heute vorwärts schreitet, wie sein Vater vor einem Mannesalter, mit dem Geiste jener Zeit vorwärts schreitend, sich zum wackren Geschäftsmann herangebildet hat.“// ((J.M. Hornstein „Das Wandern, eine Lebensfrage des Gewerbestandes“ Neuburg /Donau 1857, S.4))\\ 
 Winnig schafft es tatsächlich, sich zwei Jahre als Geselle über Wasser zu halten und findet Arbeit. Als er reist (um 1897) gibt es in Deutschland gerade einen Aufschwung, Arbeit ist leicht zu bekommen, das Ruhrgebiet boomt:// „Nach 1896 ging es dann aber aufwärts - so schnell, daß 1912 ein angesehener Publizist ernsthaft behauptete, allein jenes Wirtschaftswunder rechtfertige schon den deutschen Anspruch auf eine Vormachtstellung in der Welt.“// ((Bieber, S. 2)) \\  Winnig schafft es tatsächlich, sich zwei Jahre als Geselle über Wasser zu halten und findet Arbeit. Als er reist (um 1897) gibt es in Deutschland gerade einen Aufschwung, Arbeit ist leicht zu bekommen, das Ruhrgebiet boomt:// „Nach 1896 ging es dann aber aufwärts - so schnell, daß 1912 ein angesehener Publizist ernsthaft behauptete, allein jenes Wirtschaftswunder rechtfertige schon den deutschen Anspruch auf eine Vormachtstellung in der Welt.“// ((Bieber, S. 2)) \\ 
 Winnig ist Handwerker, sucht aber seine Identität stärker im Dichterdasein. Als er einmal einen Aristokraten kennenlernt, idealisiert er ihn, nimmt selber Züge eines abgehobenen Verhaltens an. Die Sprache der Kunden lehnt er ab, preist das ruhige, bürgerliche Benehmen. Und als er Hannover verläßt, stellt er fest: //„Es hat uns nicht gefallen, den langen Weg zur Stadt hinaus zu gehen; der Wanderbursche paßte schon damals nicht mehr in das Straßenbild der großen Städte.“// ((Winnig, S. 100)) Und das, obwohl es in Hannover 500 Baustellen gab? Immer wieder betont er, daß er nur notgedrungen mit Kunden zusammengehe, ihre Gesellschaft schätzt er nicht. Nach über einem Jahr auf der Landstraße zieht er tatsächlich mit drei Kunden los und übt gemeinsam mit ihnen in einem Dorf das Fechten. Dabei bleibt es dann auch. Er studiert und beobachtet das fahrende Volk, aber mit dem Herzen ist er nicht dabei.\\  Winnig ist Handwerker, sucht aber seine Identität stärker im Dichterdasein. Als er einmal einen Aristokraten kennenlernt, idealisiert er ihn, nimmt selber Züge eines abgehobenen Verhaltens an. Die Sprache der Kunden lehnt er ab, preist das ruhige, bürgerliche Benehmen. Und als er Hannover verläßt, stellt er fest: //„Es hat uns nicht gefallen, den langen Weg zur Stadt hinaus zu gehen; der Wanderbursche paßte schon damals nicht mehr in das Straßenbild der großen Städte.“// ((Winnig, S. 100)) Und das, obwohl es in Hannover 500 Baustellen gab? Immer wieder betont er, daß er nur notgedrungen mit Kunden zusammengehe, ihre Gesellschaft schätzt er nicht. Nach über einem Jahr auf der Landstraße zieht er tatsächlich mit drei Kunden los und übt gemeinsam mit ihnen in einem Dorf das Fechten. Dabei bleibt es dann auch. Er studiert und beobachtet das fahrende Volk, aber mit dem Herzen ist er nicht dabei.\\ 
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 Ein anderer [[wiki:vagabund|Vagabund]] weiß einiges zum Thema Frau: //„Aber etwas anderes läuft [den Kunden] lange nach. Hängt lange an ihnen und reibt sie auf. Gräbt tiefe Falten in ihre Gesichter, drückt ihnen den Kopf nach vorn und beugt ihnen den Rücken. das ist das Weib. ... es war allen eine Not. ... Sie verleugneten es. Einige hielten es nicht aus. Sie vergewaltigten, was ihnen die Not in die Arme trieb, alte Frauen, Kinder. Doch das sind die allerwenigsten. ... Andere nahmen Arbeit an. Auf einem Gut oder so - um ein Weib zu bekommen. ... Dann kämpfen sie an gegen die Forderung ihrer Natur. ... Sie unterliegen. Und sie möchten sich die Hand abschlagen. Öfter. Wie als Knabe. ... Das sind die Einsamen. Andere sind den gleichen Weg gegangen mit mehr Glück. Sie finden immer wieder mal einen Freund. Einen Jüngeren. Sie wissen, daß keiner um diese Not herumkommt.“// ((Helmut Klose „Der Andere“ in: Trappmann, S. 289 ff.)) \\  Ein anderer [[wiki:vagabund|Vagabund]] weiß einiges zum Thema Frau: //„Aber etwas anderes läuft [den Kunden] lange nach. Hängt lange an ihnen und reibt sie auf. Gräbt tiefe Falten in ihre Gesichter, drückt ihnen den Kopf nach vorn und beugt ihnen den Rücken. das ist das Weib. ... es war allen eine Not. ... Sie verleugneten es. Einige hielten es nicht aus. Sie vergewaltigten, was ihnen die Not in die Arme trieb, alte Frauen, Kinder. Doch das sind die allerwenigsten. ... Andere nahmen Arbeit an. Auf einem Gut oder so - um ein Weib zu bekommen. ... Dann kämpfen sie an gegen die Forderung ihrer Natur. ... Sie unterliegen. Und sie möchten sich die Hand abschlagen. Öfter. Wie als Knabe. ... Das sind die Einsamen. Andere sind den gleichen Weg gegangen mit mehr Glück. Sie finden immer wieder mal einen Freund. Einen Jüngeren. Sie wissen, daß keiner um diese Not herumkommt.“// ((Helmut Klose „Der Andere“ in: Trappmann, S. 289 ff.)) \\ 
 Der [[wiki:begriff|Begriff]] „schwul“ ist in der Kundensprache seit 1847 schriftlich nachgewiesen und Pfarre berichtet von Kunden, die auf der „schwulen Schiebung“ sind, sich als Strichjunge ihr Geld verdienen. Als einziger der Walzbrüder berichtet er von häufigen Begegnungen mit Homosexualität: mal platzt er in eine Toilette und weicht erschrocken zurück ((Pfarre, S. 200)), mal muß er sich selber den Nachstellungen reicher Italiener widersetzen ((Pfarre, S. 191)), dann wird er von einem anderen Kunden vor dem Übernachten in den römischen Katakomben gewarnt:// „Weißt Du, was die Kunden hier einhaken nennen? Sieh, Du mit Deinem Kindergesicht wirst schon schamrot, ich merk, Du kennst den Ausdruck auch schon. Also deshalb lieber nicht, Du würdest eingehakt werden. Das wäre Dein Ende.“// ((Pfarre, S. 159)) Man erklärt ihm, daß es in Italien keinen unbequemen §175 gibt, und //„...deshalb sind eben hier, ganz besonders in Rom, viele Menschen, die in Deutschland nicht mehr sein dürfen. Du, feine Menschen sind es, sogar sehr vornehme.“// ((Pfarre, S. 148)) Der [[wiki:begriff|Begriff]] „schwul“ ist in der Kundensprache seit 1847 schriftlich nachgewiesen und Pfarre berichtet von Kunden, die auf der „schwulen Schiebung“ sind, sich als Strichjunge ihr Geld verdienen. Als einziger der Walzbrüder berichtet er von häufigen Begegnungen mit Homosexualität: mal platzt er in eine Toilette und weicht erschrocken zurück ((Pfarre, S. 200)), mal muß er sich selber den Nachstellungen reicher Italiener widersetzen ((Pfarre, S. 191)), dann wird er von einem anderen Kunden vor dem Übernachten in den römischen Katakomben gewarnt:// „Weißt Du, was die Kunden hier einhaken nennen? Sieh, Du mit Deinem Kindergesicht wirst schon schamrot, ich merk, Du kennst den Ausdruck auch schon. Also deshalb lieber nicht, Du würdest eingehakt werden. Das wäre Dein Ende.“// ((Pfarre, S. 159)) Man erklärt ihm, daß es in Italien keinen unbequemen §175 gibt, und //„...deshalb sind eben hier, ganz besonders in Rom, viele Menschen, die in Deutschland nicht mehr sein dürfen. Du, feine Menschen sind es, sogar sehr vornehme.“// ((Pfarre, S. 148))
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 ===== 5 Die Hierarchie der Landstraße ===== ===== 5 Die Hierarchie der Landstraße =====
-==== Wandergeselle ====+ 
 +==== Wanderburschen ==== 
 Als Pfarre nach Fürth geht, weiß er sich auf dem Weg ins Vagabundentum: //„Ich war auf das Verbandsgeschenk angewiesen. Eine Mark erhielt ich. Mit dieser Mark wollte ich meine neue Zukunft gründen. In der Fürther Herberge zur Heimat erstand ich für 25 Pfennig einen Wanderschein. Auf diesen Schein konnte ich Verpflegungen erhalten. Mein zweiter Weg war nach dem städtischen Arbeitsnachweis. Dort traf ich einen Kunden, der mir die ganze Sache schon deichseln wollte. `Also, nun macht´s Dein Antrittsstoß. Erst läßt Du Dir eine Bescheinigung in Dein Wanderbuch schreiben, daß Du vergeblich um Arbeit angehauen hast, dann kommst Du wieder zu mir.´ Ich ging und kam erfolgreich zurück. Dann führte mich mein Lehrmeister vor ein anderes städtisches Gebäude und sagte: `Da gehst Du nun herein und kriegst dreißig Pfennige,´ und setzte lakonisch hinzu: `Ich kriege nichts, ich war erst vor drei Wochen da.´ Das mochte ich nun nicht. Aber ich begriff, daß ich mußte. Es war doch noch der ehrliche Weg auf der Landstraße.“// ((Pfarre, S. 13 f.))\\  Als Pfarre nach Fürth geht, weiß er sich auf dem Weg ins Vagabundentum: //„Ich war auf das Verbandsgeschenk angewiesen. Eine Mark erhielt ich. Mit dieser Mark wollte ich meine neue Zukunft gründen. In der Fürther Herberge zur Heimat erstand ich für 25 Pfennig einen Wanderschein. Auf diesen Schein konnte ich Verpflegungen erhalten. Mein zweiter Weg war nach dem städtischen Arbeitsnachweis. Dort traf ich einen Kunden, der mir die ganze Sache schon deichseln wollte. `Also, nun macht´s Dein Antrittsstoß. Erst läßt Du Dir eine Bescheinigung in Dein Wanderbuch schreiben, daß Du vergeblich um Arbeit angehauen hast, dann kommst Du wieder zu mir.´ Ich ging und kam erfolgreich zurück. Dann führte mich mein Lehrmeister vor ein anderes städtisches Gebäude und sagte: `Da gehst Du nun herein und kriegst dreißig Pfennige,´ und setzte lakonisch hinzu: `Ich kriege nichts, ich war erst vor drei Wochen da.´ Das mochte ich nun nicht. Aber ich begriff, daß ich mußte. Es war doch noch der ehrliche Weg auf der Landstraße.“// ((Pfarre, S. 13 f.))\\ 
 Sind diese Quellen erschöpft, so führt der Weg nachts ins Asyl und tags zum Betteln. Nur wer bettelt, überlebt. Pfarre kann das nicht, selbst die edelste Form der Bettelei, das Anfechten seiner Meister, bei denen er um Arbeit nachfragt, versagt er sich. ((„Suchte ein `fremder Geselle´ in der Stadt Arbeit, so ließ er sich entweder `Arbeit schauen´ oder er `ging aufs Geschenk´ . ... Wollte der Meister keinen Gesellen aufdingen, so gab es ein Geschenk, meist in der Form eines Umtrunks und einer [[wiki:Wegzehrung|Wegzehrung]].“ (Völger, S. 38f.) )) So ist er hier und da auf eine Mark aus der Gewerkschaftskasse, Gutscheine der Asyle oder Stütze ((Stütze hat den Weg ins Hochdeutsche gefunden und bedeutet Arbeitslosen- oder Sozialunterstützung.)) vom Arbeitsamt angewiesen. Dazwischen hungert er oder findet [[wiki:vagabund|Vagabunden]], die ihn versorgen. Sind diese Quellen erschöpft, so führt der Weg nachts ins Asyl und tags zum Betteln. Nur wer bettelt, überlebt. Pfarre kann das nicht, selbst die edelste Form der Bettelei, das Anfechten seiner Meister, bei denen er um Arbeit nachfragt, versagt er sich. ((„Suchte ein `fremder Geselle´ in der Stadt Arbeit, so ließ er sich entweder `Arbeit schauen´ oder er `ging aufs Geschenk´ . ... Wollte der Meister keinen Gesellen aufdingen, so gab es ein Geschenk, meist in der Form eines Umtrunks und einer [[wiki:Wegzehrung|Wegzehrung]].“ (Völger, S. 38f.) )) So ist er hier und da auf eine Mark aus der Gewerkschaftskasse, Gutscheine der Asyle oder Stütze ((Stütze hat den Weg ins Hochdeutsche gefunden und bedeutet Arbeitslosen- oder Sozialunterstützung.)) vom Arbeitsamt angewiesen. Dazwischen hungert er oder findet [[wiki:vagabund|Vagabunden]], die ihn versorgen.
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 Die Bezeichnung Kunden wird oft wahllos benutzt und meint alle Gruppen. Kunde heißt eigentlich Kundiger, im altniederrheinischen war der //cunde// ein Späher und Kundschafter. In jedem Fall weiß er mehr als andere, ist also ausgezeichnet gegenüber anderen. Das wird deutlich, wenn sich zwei Kunden auf der Straße begegneten. Der Frage //„Kunde?“// mußte geantwortet werden mit //„Ken Mathes?//“ ((Bis 1939 grüßten sich Kunden so auf der Landstraße, auch wenn vielen der Sinn dieser Grußformel nicht klarwar, denn oftmals wurde auch Ken Mathias oder Ken Mathilde geantwortet.)) Der Fragende möchte wissen, ob der andere überhaupt ein Kunde (=Kundiger) ist, ob er also evtl Auskunft geben kann. Die Antwort hat nichts mit dem Vornamen Mathes zu tun, sondern rührt von Medine (=Landstraße) und heißt daher soviel wie „Ich kenne die Landstraße“. ((Wolf, Stichwort Ken und Kunde))\\  Die Bezeichnung Kunden wird oft wahllos benutzt und meint alle Gruppen. Kunde heißt eigentlich Kundiger, im altniederrheinischen war der //cunde// ein Späher und Kundschafter. In jedem Fall weiß er mehr als andere, ist also ausgezeichnet gegenüber anderen. Das wird deutlich, wenn sich zwei Kunden auf der Straße begegneten. Der Frage //„Kunde?“// mußte geantwortet werden mit //„Ken Mathes?//“ ((Bis 1939 grüßten sich Kunden so auf der Landstraße, auch wenn vielen der Sinn dieser Grußformel nicht klarwar, denn oftmals wurde auch Ken Mathias oder Ken Mathilde geantwortet.)) Der Fragende möchte wissen, ob der andere überhaupt ein Kunde (=Kundiger) ist, ob er also evtl Auskunft geben kann. Die Antwort hat nichts mit dem Vornamen Mathes zu tun, sondern rührt von Medine (=Landstraße) und heißt daher soviel wie „Ich kenne die Landstraße“. ((Wolf, Stichwort Ken und Kunde))\\ 
 Obwohl Kunden und [[wiki:vagabund|Vagabunden]] sehr lax mit Moral umgehen, konnte man ihnen nicht unbedingt kriminelle Absichten unterstellen. Wohl waren sie [[wiki:outlaw|Outlaws]], Outcasts, Gesetzlose, die um ihr Überleben kämpften. Das ging oft nur außerhalb der bürgerlichen Moral und Gesetze. Doch hatten sie ihre Sprache, eigene Gesetzmäßigkeiten und Regeln. [[wiki:ehre|Ehre]] und Kameradschaft waren ihnen vertraut und viele waren stolz darauf, Kunde zu sein. Der Weg zurück in die Gesellschaft blieb ihnen nicht versperrt, auch wenn sie sozial ausgestoßen und heimatlos waren. \\ Andererseits war der Weg ins kriminelle Milieu einfach, da sich die Gauner in der gleichen Infrastruktur bewegten. Pfarre erinnert sich: „...lernte ich den Betrieb in der Herberge zur Heimat kennen. Aber waren das „Kunden“, „Monarchen“, „Speckjäger“ oder anders benannte „Ritter der Landstraße“? Nein! Soviel kannte ich nun doch schon die verlumpten, aber harmlosen Wandergestalten. Was sich hier zusammenfand, das kam nicht aus dem Chausseegraben, das gedieh nur auf dem Asphalt der Großstadt. Das nahe Oktoberfest hatte Nepper, Bauernfänger und Taschendiebe herangelockt.“ ((Pfarre, S. 12 f.)) \\  Obwohl Kunden und [[wiki:vagabund|Vagabunden]] sehr lax mit Moral umgehen, konnte man ihnen nicht unbedingt kriminelle Absichten unterstellen. Wohl waren sie [[wiki:outlaw|Outlaws]], Outcasts, Gesetzlose, die um ihr Überleben kämpften. Das ging oft nur außerhalb der bürgerlichen Moral und Gesetze. Doch hatten sie ihre Sprache, eigene Gesetzmäßigkeiten und Regeln. [[wiki:ehre|Ehre]] und Kameradschaft waren ihnen vertraut und viele waren stolz darauf, Kunde zu sein. Der Weg zurück in die Gesellschaft blieb ihnen nicht versperrt, auch wenn sie sozial ausgestoßen und heimatlos waren. \\ Andererseits war der Weg ins kriminelle Milieu einfach, da sich die Gauner in der gleichen Infrastruktur bewegten. Pfarre erinnert sich: „...lernte ich den Betrieb in der Herberge zur Heimat kennen. Aber waren das „Kunden“, „Monarchen“, „Speckjäger“ oder anders benannte „Ritter der Landstraße“? Nein! Soviel kannte ich nun doch schon die verlumpten, aber harmlosen Wandergestalten. Was sich hier zusammenfand, das kam nicht aus dem Chausseegraben, das gedieh nur auf dem Asphalt der Großstadt. Das nahe Oktoberfest hatte Nepper, Bauernfänger und Taschendiebe herangelockt.“ ((Pfarre, S. 12 f.)) \\ 
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 ==== Schieben und Balance ==== ==== Schieben und Balance ====
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 Vom Fechten über das Betteln führt der soziale Abstiegskampf zur sogenannten Schiebung ((Jedes heimliche und rasche Bewegen und damit auch fragwürdige Handelsgeschäfte, Betrug wurden Schiebung genannt. Eine dufte Schiebung war klug und durchdacht, eine linke Schiebung war faul.)). Unter Schiebung verstand man Taschenspielerei, Gaunereien, Betrug. So sammelten zwei Kunden in jedem Ort die Messer und Scheren, ohne einen Schleifstein zu besitzen. Mit etwas Schmirgel wurden sie blank poliert, mit Schellack die Griffe optisch verbessert:// „Es kam uns auch nicht darauf an, die Messer zu schärfen, dann hätten wir ja auf ehrliche Weise unser Brot verdient.“// ((Pfarre, S. 22)) Da gibt es dann den „Sibirier“: //„Andere nannten ihn auch den Anarchisten. Er muckte (( `Mucken´ bedeutet Betteln mit einem [[wiki:kniff|Trick]].)) mit roten Fleppen ((`Fleppen´ sind die Papiere, Dokumente, Pässe, 'rot' ist das unehrliche)), d.h. er bettelte die Sozialisten- und Anarchistenvereinigungen an. Wenn er dort leer ausging, konnte man ihn zum Beichten gehen sehen. Im Beichtstuhl focht er bei dem Geistlichen.“// Der „Schweizer“ spielte den Grafen, investierte ihn gute Kleidung und besaß sonst nichts. Dann besuchte er die Amerikaner in den guten Hotels und erzählte ihnen eine Geschichte, die ihm Geld brachte. Zwei andere, Polen, gingen jeden Abend auf die Balance. ((`Balance´ ist der Ausdruck für eine gefährliche Bettelei, die schon mehr Erpressung ist.)) Ihnen allen gemeinsam war es, mit betrügerischen Absichten vorzugehen.\\  Vom Fechten über das Betteln führt der soziale Abstiegskampf zur sogenannten Schiebung ((Jedes heimliche und rasche Bewegen und damit auch fragwürdige Handelsgeschäfte, Betrug wurden Schiebung genannt. Eine dufte Schiebung war klug und durchdacht, eine linke Schiebung war faul.)). Unter Schiebung verstand man Taschenspielerei, Gaunereien, Betrug. So sammelten zwei Kunden in jedem Ort die Messer und Scheren, ohne einen Schleifstein zu besitzen. Mit etwas Schmirgel wurden sie blank poliert, mit Schellack die Griffe optisch verbessert:// „Es kam uns auch nicht darauf an, die Messer zu schärfen, dann hätten wir ja auf ehrliche Weise unser Brot verdient.“// ((Pfarre, S. 22)) Da gibt es dann den „Sibirier“: //„Andere nannten ihn auch den Anarchisten. Er muckte (( `Mucken´ bedeutet Betteln mit einem [[wiki:kniff|Trick]].)) mit roten Fleppen ((`Fleppen´ sind die Papiere, Dokumente, Pässe, 'rot' ist das unehrliche)), d.h. er bettelte die Sozialisten- und Anarchistenvereinigungen an. Wenn er dort leer ausging, konnte man ihn zum Beichten gehen sehen. Im Beichtstuhl focht er bei dem Geistlichen.“// Der „Schweizer“ spielte den Grafen, investierte ihn gute Kleidung und besaß sonst nichts. Dann besuchte er die Amerikaner in den guten Hotels und erzählte ihnen eine Geschichte, die ihm Geld brachte. Zwei andere, Polen, gingen jeden Abend auf die Balance. ((`Balance´ ist der Ausdruck für eine gefährliche Bettelei, die schon mehr Erpressung ist.)) Ihnen allen gemeinsam war es, mit betrügerischen Absichten vorzugehen.\\ 
  
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-Die große Zeit der Handwerksgesellen ist spätestens seit dem 1. Weltkrieg vorbei. Mit der Aufhebung der Zünfte und der Einführung der [[wiki:grundfreiheiten|Gewerbefreiheit]] im [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 19. Jahrhundert|19. Jahrhundert]] hatte diese Bewegung ihren Zenit überschritten. Winnig kam sich 1897 in den großen Städten fehl am Platze vor. Die Industrialisierung Europas und die sich zyklisch wiederholenden Wirtschaftskrisen führten in Schüben immer mal wieder zu einem Anstieg der Massen auf den Straßen. Doch nun nahmen Arbeiter, [[wiki:wanderarbeiter|Wanderarbeiter]] und Lumpenproletariat die Stelle der Gesellen ein. 1927 waren 70.000 Menschen auf den Straßen Deutschlands unterwegs, sechs Jahre später waren es bereits wieder 450.000. ((Trappmann, S. 15)) Immer spiegelte sich in den Wanderungsbewegungen die gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Unsicherheit. Die Nationalsozialisten brachten ab 1933 die [[wiki:vagabund|Vagabunden]] mit allen Mitteln von der Straße: Arbeitslager, Verhaftung, Razzien, [[wiki:muendigkeit|Entmündigung]], Psychiatrisierung und sechs Jahre Krieg beseitigten fast alle Spuren der Heimatlosen. ((Kadereit)) Auch für die „Nicht-Seßhaften“ von heute ist die Landstraße meist ohne Romantik, sondern hat eher mit dem Teufelskreis von Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit und sozialem Abstieg zu tun.\\  +Die große Zeit der Handwerksgesellen ist spätestens seit dem 1. Weltkrieg vorbei. Mit der Aufhebung der Zünfte und der Einführung der [[wiki:grundfreiheiten|Gewerbefreiheit]] im [[wiki:reisegenerationen#Ab dem 19. Jahrhundert|19. Jahrhundert]] hatte diese Bewegung ihren Zenit überschritten. Winnig kam sich 1897 in den großen Städten fehl am Platze vor. Die Industrialisierung Europas und die sich zyklisch wiederholenden Wirtschaftskrisen führten in Schüben immer mal wieder zu einem Anstieg der Massen auf den Straßen. Doch nun nahmen Arbeiter, [[wiki:liste_wanderarbeiter|Wanderarbeiter]] und Lumpenproletariat die Stelle der Gesellen ein. 1927 waren 70.000 Menschen auf den Straßen Deutschlands unterwegs, sechs Jahre später waren es bereits wieder 450.000. ((Trappmann, S. 15)) Immer spiegelte sich in den Wanderungsbewegungen die gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Unsicherheit. Die Nationalsozialisten brachten ab 1933 die [[wiki:vagabund|Vagabunden]] mit allen Mitteln von der Straße: Arbeitslager, Verhaftung, Razzien, [[wiki:muendigkeit|Entmündigung]], Psychiatrisierung und sechs Jahre Krieg beseitigten fast alle Spuren der Heimatlosen. ((Kadereit)) Auch für die „Nicht-Seßhaften“ von heute ist die Landstraße meist ohne Romantik, sondern hat eher mit dem Teufelskreis von Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit und sozialem Abstieg zu tun.\\  
-Vereinzelt wandern Handwerksgesellen noch heute mit //Ehrbarkeit// ((Früher Rotwelsch: Halsbinde, heute Krawatte)), //Staude// ((Hemd)), //Schlapphut, Stenz// (([[wiki:stab|Stock]])) und schwarzen Cordhosen. Auch wenn sie nicht mehr Teil einer gesellschaftlichen Massenbewegung sind, so erhalten sie doch die Traditionen aufrecht. Sie werden „als Exoten bestaunt in einer durchtechnisierten, profitorientierten Welt“. ((Schiemann)) Sie tragen immer noch den //Berliner// mit Rasierpinsel, Unterwäsche, Schuhputzzeug, Hammer, Lot und Wasserwaage und //scheniegeln// ((Arbeiten, von Schinagole (jidd. = Schubkarre))) bei //Krautern// ((Krauter wird der Handwerksmeister genannt, insbesondere der zunftlose auf dem freien Land)). Etwa 3000 organisierte Gesellen gab es 1985: sie dürfen keine dreißig Jahre alt sein, weder verheiratet noch vorbestraft, dürfen keine Schulden haben, sollen charakterfest im Umgang mit Alkohol sein. Sogar eine „Confédération Compagnonnages“ der europäischen Gesellenzünfte gibt es.\\ +Vereinzelt wandern Handwerksgesellen noch heute mit //Ehrbarkeit// ((Früher Rotwelsch: Halsbinde, heute Krawatte)), //Staude// ((Hemd)), //Schlapphut, Stenz// (([[wiki:stock_und_stab|Stock]])) und schwarzen Cordhosen. Auch wenn sie nicht mehr Teil einer gesellschaftlichen Massenbewegung sind, so erhalten sie doch die Traditionen aufrecht. Sie werden „als Exoten bestaunt in einer durchtechnisierten, profitorientierten Welt“. ((Schiemann)) Sie tragen immer noch den //Berliner// mit Rasierpinsel, Unterwäsche, Schuhputzzeug, Hammer, Lot und Wasserwaage und //scheniegeln// ((Arbeiten, von Schinagole (jidd. = Schubkarre))) bei //Krautern// ((Krauter wird der Handwerksmeister genannt, insbesondere der zunftlose auf dem freien Land)). Etwa 3000 organisierte Gesellen gab es 1985: sie dürfen keine dreißig Jahre alt sein, weder verheiratet noch vorbestraft, dürfen keine Schulden haben, sollen charakterfest im Umgang mit Alkohol sein. Sogar eine „Confédération Compagnonnages“ der europäischen Gesellenzünfte gibt es.\\ 
 Und die andere Seite, die Vagabunden, Berber, Landstreicher? Ihre Zahl nimmt zu, entsprechend der Arbeitslosenquote. 1971 lebte ein Reporter eine Woche lang als Penner, schlief im Düsseldorfer Nachtasyl der Franziskaner und in der Hamburger Mönckebergstraße. Acht Tage Betteln brachten ihm 31,88 Mark ein. Und die Gespräche im Asyl hätten auch 50 Jahre früher stattfinden können. Der eine will in den Süden, nach Spanien, //wo´s warm is´.// Eine Nutte schüttet sich die Bierreste aus den Gläsern zusammen, den //Klapperschluck//. ((Klappern bedeutet im rotwelschen betteln.)) 1975 ziehen wieder zwei Reporter mit den Pennern los. Da treffen sie dann beispielsweise den Ex-Söldner, der jedes Jahr sechs- bis achtmal kreuz und quer durch Deutschland zieht, zu Fuß, per Anhalter oder mit Zug und „Bahnbenutzungsgenehmigung“ des Sozialamtes, von einer der 700 Herbergen zur nächsten. Und sie werden immer noch „abgebient“, nach Läusen untersucht. In der Celler Herberge zur Heimat will der Diakon 1,30 Mark pro Nacht und für die Flasche Bier 1,10. Gegessen wird auf Kommando: nach sieben Minuten sind Graupensuppe und Brot verschlungen. Am nächsten Tag geht es weiter, denn in den meisten Herbergen darf man nur alle sechs bis zwölf Monate übernachten. //„Die meisten von uns wollen nicht auf die Straße, sie müssen - weil sie vor sich selbst und den anderen auf der Flucht sind. Deshalb sind die meisten Berber ((Mit Berber werden seit ein, zwei Jahrzehnten die modernen Landstreicher und [[wiki:vagabund|Vagabunden]] bezeichnet. Es scheint eine Neuschöpfung des Rotwelschen zu sein.)) Einzelgänger, die keinem trauen.“// ((Holzach)) \\  Und die andere Seite, die Vagabunden, Berber, Landstreicher? Ihre Zahl nimmt zu, entsprechend der Arbeitslosenquote. 1971 lebte ein Reporter eine Woche lang als Penner, schlief im Düsseldorfer Nachtasyl der Franziskaner und in der Hamburger Mönckebergstraße. Acht Tage Betteln brachten ihm 31,88 Mark ein. Und die Gespräche im Asyl hätten auch 50 Jahre früher stattfinden können. Der eine will in den Süden, nach Spanien, //wo´s warm is´.// Eine Nutte schüttet sich die Bierreste aus den Gläsern zusammen, den //Klapperschluck//. ((Klappern bedeutet im rotwelschen betteln.)) 1975 ziehen wieder zwei Reporter mit den Pennern los. Da treffen sie dann beispielsweise den Ex-Söldner, der jedes Jahr sechs- bis achtmal kreuz und quer durch Deutschland zieht, zu Fuß, per Anhalter oder mit Zug und „Bahnbenutzungsgenehmigung“ des Sozialamtes, von einer der 700 Herbergen zur nächsten. Und sie werden immer noch „abgebient“, nach Läusen untersucht. In der Celler Herberge zur Heimat will der Diakon 1,30 Mark pro Nacht und für die Flasche Bier 1,10. Gegessen wird auf Kommando: nach sieben Minuten sind Graupensuppe und Brot verschlungen. Am nächsten Tag geht es weiter, denn in den meisten Herbergen darf man nur alle sechs bis zwölf Monate übernachten. //„Die meisten von uns wollen nicht auf die Straße, sie müssen - weil sie vor sich selbst und den anderen auf der Flucht sind. Deshalb sind die meisten Berber ((Mit Berber werden seit ein, zwei Jahrzehnten die modernen Landstreicher und [[wiki:vagabund|Vagabunden]] bezeichnet. Es scheint eine Neuschöpfung des Rotwelschen zu sein.)) Einzelgänger, die keinem trauen.“// ((Holzach)) \\ 
 Was hat sich da schon viel geändert in den letzten 100 Jahren? Selbst Entromantisierung, Zerschlagung von Strukturen und Traditionen erreichen nicht die Wurzeln und Ursachen des Unterwegsseins. Der Wandertrieb findet sich in allen Menschen und bei vielen ist er stärker als das Bedürfnis nach Sicherheit. Hieraus nährt sich eine jede Wanderbewegung. Zeiten wie der Zweite Weltkrieg mögen einige Jahre nachbeben, so daß sich die meisten Menschen angesichts ihrer Erfahrungen für die Sicherheit entscheiden. Dann setzt erneut die Zeit der Wanderer ein. Das Wiederaufflackern der Wanderbewegungen begann etwa in den fünziger Jahren. Klaus Trappmann bringt es auf den Punkt:// „Als langjährige Gammler hatten wir begonnen, aus der Enge der Fünfziger Jahre auszubrechen. Die Straße wurde zum Inbegriff unserer Wut und unserer Hoffnungen. Zwischen Kerouacs „On the road“, den frühen Liedern Bob Dylans und den ersten Vietnamdemonstrationen liegen nur wenige Jahre. Rocker, Trebegänger ((Trebegänger sind im Berlinerischen Herumtreiber)), Knackis und umherschweifende Haschrebellen (( Nach 1968 bis 1970 entstand in der K I und der Wieland-Kommune in Berlin aus politisch engagierten Leuten der „Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen“. Von dieser Gruppe aus führt eine Entwicklungslinie zur RAF)) interessierten uns nicht so sehr als Opfer des Kapitals, sondern weil wir uns einig glaubten in der Verweigerung und in unserer Verzweiflung.“// (( Trappmann, s. Vorwort)) Was hat sich da schon viel geändert in den letzten 100 Jahren? Selbst Entromantisierung, Zerschlagung von Strukturen und Traditionen erreichen nicht die Wurzeln und Ursachen des Unterwegsseins. Der Wandertrieb findet sich in allen Menschen und bei vielen ist er stärker als das Bedürfnis nach Sicherheit. Hieraus nährt sich eine jede Wanderbewegung. Zeiten wie der Zweite Weltkrieg mögen einige Jahre nachbeben, so daß sich die meisten Menschen angesichts ihrer Erfahrungen für die Sicherheit entscheiden. Dann setzt erneut die Zeit der Wanderer ein. Das Wiederaufflackern der Wanderbewegungen begann etwa in den fünziger Jahren. Klaus Trappmann bringt es auf den Punkt:// „Als langjährige Gammler hatten wir begonnen, aus der Enge der Fünfziger Jahre auszubrechen. Die Straße wurde zum Inbegriff unserer Wut und unserer Hoffnungen. Zwischen Kerouacs „On the road“, den frühen Liedern Bob Dylans und den ersten Vietnamdemonstrationen liegen nur wenige Jahre. Rocker, Trebegänger ((Trebegänger sind im Berlinerischen Herumtreiber)), Knackis und umherschweifende Haschrebellen (( Nach 1968 bis 1970 entstand in der K I und der Wieland-Kommune in Berlin aus politisch engagierten Leuten der „Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen“. Von dieser Gruppe aus führt eine Entwicklungslinie zur RAF)) interessierten uns nicht so sehr als Opfer des Kapitals, sondern weil wir uns einig glaubten in der Verweigerung und in unserer Verzweiflung.“// (( Trappmann, s. Vorwort))
wiki/walz.1727321932.txt.gz · Zuletzt geändert: 2024/09/26 03:38 von norbert

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