auch: Badenfahrt, Badereise, lat. iter ad balneas, engl. trip to a spa; als 'badenfart' bereits frühneuhochdeutsch zu finden; veraltet auch 'ins Wildbad fahren' im Unterschied zum Bad in der Badestube 1), später: Kur, Kurort, Seebad, Sommerfrische, Wellness
Die Bäderreise setzt voraus:
die Wertschätzung der eigenen Gesundheit und
einen Ort, der Genesung aus natürlichen Quellen verspricht sowie
den Ruf, den dieser Ort genießt, also eine entsprechende Anziehungskraft für viele
2) und
das Verlassen der gewohnten Umgebung, also fort von allem, was vielleicht auch krank macht.
Das macht aus der 'Fahrt zum Baden' eine 'Bäderfahrt' mit Zielen, die über das medizinische hinausgehen:
Morbus Hispanicus Ille Periculosus, Oder/ Spanische Badenfart nach Heilbronn angestelt/ umb seinen grossen Durst nach Teutschland auß dem gesunden Kirchbrunnen daselbst/ doch lieber auß dem grossen Faß zu Heydelberg/ zu löschen.
[Anonymus] 12 S., 1621 s.l.
Online
Die Einsicht, dass Wasser die Grundlage allen Lebens ist, mag sich früh mit spirituellen Vorstellungen verbunden haben, so dass insbesondere Quellen seit jeher als 'heilig' galten, weil deren außergewöhnlich reines Wasser als heilsam galt. Fahrten zu diesen Orten waren aus dieser Sicht Pilgerfahrten zur spirituellen Reinigung, etwa in die Grotte von Lourdes, an die Ufer des Ganges, zum Manasarowar-See usw., Wunderheilungen nicht ausgeschlossen.
Ganz im Gegensatz dazu bleibt die Reinigung bei der Bäderreise mehr ein Vorwand für Bequemlichkeit, Genuss und moralisch entgrenzte Körperlichkeit.
Die umfangreiche Bäderliteratur lässt den Aspekt der 'Reise' weitgehend unbeachtet.
Borowka-Clausberg, Beate
An den Quellen des Hochgefühls: Kurorte in der Weltliteratur.
Icomos. Hefte des Deutschen Nationalkomitees 52 (2012) 217-230.
Fürbeth, Frank
Bibliographie der deutschen oder im deutschen Sprachraum erschienenen Bäderschriften des 15. und 16. Jahrhunderts.
Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 13 (1995) 217–252.
Fürbeth, Frank
Badenfahrten im 15. Jahrhundert. Die Wiederentdeckung der Natur als kulturelles Ereignis.
S. 267–278 in: Alan Robertshaw; Gerhard Wolf (Hg.): Natur und Kultur in der deutschen Literatur des Mittelalters. Tübingen 1999.
David Heß
Die Badenfahrt.
X, 585 S. Zürich 1818: Füßli.
Online Reprints 1924, 1969, 2017 Inhalt u.a.:
Vorbereitungen
Die Wasserfahrt
Ankunft
Einzug und Einrichtung im Hinterhof
Uebersicht aller andern Gasthöfe und Bäder
Die Tagwache
Das Bad
Das Frühstück, nebst einigen Bemerkungen über die Spanischbrötchen
Ein Abschnitt ohne Ueberschrift
Die Toilette
Vormittagsbesuche
Die Matte
Die Mittagsmahlzeit
Der litterarische Nachmittag
Michel de Montaigne
Die Badschenkungen
Verbothe der Badenfahrten
David François de Merveilleux
Die Zürcher in Baden in der letzten Hälfte des XVIIIten Jahrhunderts
Gesellschaftliches Wesen und Lustbarkeiten der gegenwärtigen Zeit
Spaziergänge
Die obere Matte
Das Bauerngut
Der Martinsberg
Die Einsiedeley
Der Umweg
Balketbühl auf dem Stoffelberg
Rieden. Hertenstein. Lägerberg
Das alte Schloß
Bruchstücke aus der Geschichte von Baden
…
Die Neige der Cur
Der letzte Tag
Kulishkina, Olga; Larissa N. Polubojarinova
Dr. S. ʼs Badereisen: Der Kurorttopos in WG Sebalds Werk.
Orbis Litterarum 74.5 (2019) 340-364.
Hascher, Michael
Modebäder und Eisenbahn. Zur Frage des Beitrages der Technikgeschichte zum möglichen Welterbestatus europäischer Kurstädte.
S. 159–172 in: Volkmar Eidloth (Hg.): Europäische Kurstädte und Modebäder des 19. Jahrhunderts (= Icomos. Hefte des Deutschen Nationalkomitees, 52), Stuttgart 2012.
Marion Linhardt
Badegesellschaften. Hessische und nassauische Kurorte in Reiseberichten des 18. und 19. Jahrhunderts und Thorstein Veblens Theorie der feinen Leute.
LiTheS (Universität Graz), 9.13 (2016) 47-59
Online
Matheus, Michael
Badeorte und Bäderreisen in Antike, Mittelalter und Neuzeit.
(=Mainzer Vorträge, 5 ) 131 S. Stuttgart 2001: Franz Steiner
Rezension
Mehring, Gebhard
Badenfahrt. Württembergische Mineralbäder und Sauerbrunnen vom Mittelalter bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts.
XI, 204 S. Stuttgart 1914 (=Darstellungen aus der württembergischen Geschichte, 13).
Jean Paul
Dr. Katzenbergers Badereise.
Mit Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von Otto Sievers. 139 S. Leipzig, 1879: F.A. Brockhaus.
Online
Jean Paul
D. Katzenbergers Badereise.
Heidelberg 1809: Zimmer. Deutsches Textarchiv
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Stössinger, Jutta; Heiner Maier
Badeleben. Literarischer Reisebegleiter von Wismar bis Danzig.
173 S. Karten, Textabb., Quellennachweis. Stuttgart 1996: Klett-Cotta.
Studt, Birgit
Die Badenfahrt. Ein neues Muster der Badepraxis und Badegeselligkeit im deutschen Spätmittelalter.
S. 33–52 in: Michael Matheus (Hg.): Badeorte und Bäderreisen in Antike, Mittelalter und Neuzeit. (= Mainzer Vorträge, 5) Stuttgart 2001
Studt, Birgit
Baden zwischen Lust und Therapie. Das Interesse von Frauen an Bädern und Badereisen in Mittelalter und Früher Neuzeit.
S. 93-117 in: Hähner-Rombach, Sylvelyn (Hg.): «Ohne Wasser ist kein Heil». Medizinische und kulturelle Aspekte der Nutzung von Wasser (= Medizin, Gesellschaft und Geschichte, 25). Stuttgart 2005
Waldner, Annegret
Tiroler Wildbäder, Sommerfrischorte und Bauernbadln. Bade- und Sommerfrischwesen im Spannungsfeld kultureller Wandlungsprozesse von der frühen Neuzeit bis zum beginnenden 20. Jahrhundert.
Zugl.: Diplomarbeit. 184 S. (=Beiträge zur europäischen Ethnologie und Folklore / A, Reihe A, Texte und Untersuchungen, 6) Frankfurt am Main 2003: Lang
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