Inhaltsverzeichnis

Reisesammlungen

Synopse der Zeitleisten und Literaturlisten

engl. Collections of Voyages and Travels, Travel Collections; franz. Recueil, Compilations des récits géographiques; niederl. reiscollectie; ital. compilazione storico-geografica, lat. Itinera collecta im Unterschied zu Itinera singularia; Collectiones Peregrinationum

Reisende bringen Dinge zurück und Geschichten; die einen werden ausgestellt (→ Liste der Ausstellungen), wenn sie sehenswert sind, die anderen gedruckt, wenn sie lesenswert sind. Aus der Masse des Geschriebenen und Gedruckten heben sich solche Inhalte ab, die besonders ausgewählt wurden und erhalten besondere Relevanz zu ihrer Zeit und und zur gewählten Absicht.

Reisesammlungen trugen dazu bei, zahlreiche individuelle Reiseerfahrungen in ein umfassenderes Weltbild zu transformieren und öffentlich zu verbreiten, siehe Das Bild der Reise. Reisesammlungen speicherten geographisches Wissen im Buchformat, bevor es eine geographische Wissenschaft gab. Dem voraus gingen Informationsspeicher in Form von Land- und Seekarten, Portolankarten, Periploi, Itineraren.
Geographisches Wissen zu erfassen war bereits die Aufgabe der Bematisten in der griechischen Antike, es zu sammeln soll bereits Aufgabe der Bibliothek von Alexandria gewesen sein und auch die antiken Geographen und Historiker (Herodot, Strabon …) beriefen sich auf Berichte von Reisenden und verarbeiteten deren Wissen.

Reisesammlungen nach Land und Jahr

Das nachfolgende Korpus von Reisesammlungen enthält (Januar 2026) rund 270 Werke mit rund 3.100 dazugehörigen Bänden.
Die Tabelle zeigt die Länder in der Reihenfolge des erstmaligen zeitlichen Auftretens eines entsprechenden Druckortes mit allen Bänden. Reisesammlungen haben ihre Wurzeln jedoch nicht allein am Ort des Druckes, sondern in der Herkunft und am Wirkungsort des Auftraggebers und des Herausgebers, während die Sprache ein Hinweis auf das Zielpublikum gibt. Im Hintergrund wirkt zudem die Vernetzung der Drucker, mit denen sich die Drucktechnik von Deutschland aus in Europa verbreitete.
Nur ausnahmsweise wurden unberücksichtigt: unterschiedliche Ausgaben, Parallelausgaben, Ausgaben für die Jugend, verschiedene Druckorte, weitere Auflagen und Raubdrucke.
Wegen des Umfangs sind die Reisesammlungen auf vier Unterseiten nach Jahrhunderten verteilt; die umfangreichsten Titelverzeichnisse sind auf eigenen Seiten ausgelagert.

Zeitleisten der Reisesammlungen im …
ab 16. 17. 18. 19.
Reiseanleitungen im 16. 17. 18. 19.
Unterwegs im 16. 17. 18. 19. Jahrhundert
n (Titel) 22 35 122 102
n (Bände) 85 90 978 1966
Italien 1504 4 2 2
Portugal 1506 3 1
Deutschland 1508 7 5 47 42
Schweiz 1532 1 2 1
England 1555 3 7 37 16
Frankreich 1556 1 6 15 19
Philippinen 1584 1
Niederlande 1598 1 11 7 5
Spanien 1601 2 2 1
Schweden 1667 1 2 5
Dänemark 1749 4 1
Rußland 1755 1
Irland 1759 1 1
Schottland 1766 1 1
Tschechien 1784 1 2
USA 1787 1
Österreich 1800 4
China 1877 1

Kategorien

Reisesammlungen werden hier aufgefasst als gedruckte Reiseliteratur, deren Autoren erkennbar sind und die mindestens zusammengestellt, oft bearbeitet, manchmal mit Anmerkungen versehen herausgegeben wurden. Im Unterschied zu anderen Formen der Wissensspeicherung sind ihre Merkmale:

Reisesammlungen in Form von Manuskripten können durchaus in Archiven zu finden sein, weil sie eben nicht öffentlich werden sollten, etwa

Auch die mittelalterlichen Sammelcodices (wie das kastilische Libro del conosçimiento de todos los rregnos et tierras … oder das Speculum historiale als Teil des Speculum maius 2) von Vinzenz von Beauvais im 13. Jahrhundert) verarbeiteten geographisches Wissen, benannten jedoch selten die Quellen 3).

Zielgruppen

Die gedruckten Reisesammlungen richteten sich zunächst an ein elitäres Publikum mit Geld und Weitblick, boten faktenbasierte und nutzenorienierte Inhalte. Im Laufe der Zeit differenzierten sich die Zielgruppen:

Unter-Kategorien

Die Reisesammlungen wurzelten in der Herausgabe von Briefen, Dokumenten und internen Manuskripten portugiesischer und spanischer Fahrten in die „Neue Welt“ (West-Indien, Amerika) und nach Asien. Entlang dieses roten Fadens wuchsen sie zu Sammlungen mit umfassendem Anspruch - oft erkennbar im Titel als „Allgemein, Bibliothek, General, Universal“. Daneben finden sich jedoch fokussierte Sammlungen etwa zu

Abgrenzungen

Reisesammlungen können als Fortsetzung von Itinerarsammlungen verstanden werden, der durch einen Paradigmenwechsel ausgelöst wurde. Itinerarsammlungen stellten die komprimierteste Form dar, einen allgemein bekannten Raum zu erschließen. Die Systematisierung von Entdeckungsreisen zielt aber auf das Erschließen unbekannter Räumen, für die es keine Itinerare gibt. Die Entdeckung einer Neuen Welt sprengte die komprimierte Form von Itineraren, weil nicht auf Vertrautes zurückgegriffen werden konnte.

Sie stehen auch in einem Verhältnis zu Reiseanleitungen (Apodemiken), da die ausgewählten Reisen und damit das Verhalten dieser Reisenden zum einen vorbildhaft erscheinen, zum anderen aber auch zum Nachdenken über deren Art des Reisens anregen, und damit zu Optimierungen und allgemein nützlichen Verfahren führen.

Formal stehen sie den strengen Bibliographien zur Reiseliteratur diametral gegenüber, indem sie die Inhalte in den Vordergrund stellen und bewerten.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts verlieren sie ihren ursprünglichen Charakter:

Das Entstehen von Reisesammlungen

Figuren und Funktionen

Das Entstehen einer gedruckten Reisesammlung setzt voraus:

  1. dass Reisende als Augenzeugen zum Autor werden, das Ergebnis kann ein Tagebuch, Logbuch, Brief, Reisebericht, eine Karte … sein (Authentizität). Der Fokus des Augenzeugen bestimmt den Informationsgehalt.
    Das Publikum dieser Autoren ist jedoch nicht das Publikum der Reisesammlungen.
  2. dass Sammler Zugang zu solchen Quellen haben bzw. zu den Netzwerken, die solche Quellen sammeln;
  3. dass der Informationsgehalt eine Schnittmenge mit den Interessen des Sammlers und seines Publikums aufweist.

Die Verarbeitung des Rohmaterials erfordert zuerst eine Selektion, also Kriterien hinsichtlich der Relevanz und der Neuheit und eventuell hinsichtlich des Unterhaltungswertes. Dieser Verarbeitungsprozess ist weitgehend intransparent. Die dazu nötigen Funktionen erfordern (oft in Personalunion) die Eigenschaften von:

Verfahren

Herausgeber von Reisesammlungen mussten sich mehr oder weniger mit ihren Vorläufern und Konkurrenten auseinandersetzen und haben ihre Ansichten manches Mal im Vorwort dargelegt, dabei meist betonend, was sie besser machen würden, meist fokussiert auf neue Nachrichten, Nützliches und Wissenswertes. Im Vorwort zu den Reisesammlungen wird dementsprechend formuliert, welche Interessen die Herausgeber dabei verfolgen und welche Kriterien sie zugrunde legten, siehe beispielhaft Knox 1767 sowie von Green 1745 und Kerr 1811 (Band 18: 1824 William Stevenson). Dadurch erlauben die Reisesammlungen einen zeittypischen Blick auf die Rezeption der Reisen.

Institutionen

Entdecken und Erforschen im Sinne eines systematischen Reisens wurde ab dem 17. Jahrhundert zur Methode der Geographie und nachfolgend der Völkerkunde. Damit setzte langsam die Unterscheidung zwischen Unterhaltung und Wissenschaft ein, zwischen Laien- und Fachpublikum; es bildeten sich Institutionen mit spezifischen Regeln für das Reisen, zum Erfassen des Wissens und für das Publizieren:

Verweise

Eine umfassende Untersuchung dazu scheint es nicht zu geben, siehe den Übersichtsartikel von Goldman (2025), Ansätze finden sich bei:
→ Literatur zu einzelnen Sammlungen siehe in den Zeitleisten der Reisesammlungen
→ Quellen und thematisch übergreifende Literatur: Literaturliste Reisesammlungen

Synopse der Zeitleisten und Literaturlisten
→ Vor dem 16. Jahrhundert siehe die Zeitleiste der Itinerare mit deren Sammlungen.

1)
etwa: Nicolas & Guillaume Sanson
Tabulae geographicae, quibus universa geographia vetus continetur, e multis authoribus collectae
ex Typ. Seminarii, Patavii, 1699
2)
Speculum quadruplex, naturale, doctrinale, morale et historiale liegt als Manuskript in Paris und wurde erstmals 1473-1476 gedruckt, in der Officin von J. Mentelin zu Straßburg; darin befinden sich u.a. ein Auszug aus der Historia Mongalorum von Johannis de Plano Carpini und das Itinerarium Simonis de Sancto Quintino
3)
Ridder, Klaus
Wissen erzählen. Zur volkssprachlichen Enzyklopädistik des späten Mittelalters.
S.317-334 in: Anna Grotans, Heinrich Beck; Anton Schwob (Hg.): De consolatione philologiae: Studies in Honor of Evelyn S. Firchow. Göppingen 2000. (GAG 682/I) [zusammen mit Jürgen Wolf] Online
Baumgärtner, I.
Weltbild und Empirie. Die Erweiterung des kartographischen weltbilds durch die Asienreisen des späten Mittelalters.
Journal of Medieval History, 23.3 (1997) 227–253. DOI